Amira, Karl von  
Die Handgebärden in den Bilderhandschriften des Sachsenspiegels — München, 1905

Seite: 198
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also wieder in sehr gezwungener Haltung. Das wäre zwar nicht das Kedegestusmotiv, bewiese
aber, wie wenig gleichgiltig Handgebärden beim Richter waren. Auf den Gemälden des
Soester ,Nequambuchesk (1300—1325) erteilt der sitzende Richter einmal dem vor ihm
stehendeu Fronboten, ein anderes Mal dem Scharfrichter Befehle mit dem Redegestus.1)
Vielleicht darf ich nebenbei auch auf gleichzeitige französische Miniaturen verweisen.
Die Berliner Beaumanoir-Hs. (Hamilt. 193) z. B. bei dem wichtigen cap. 67 des jugemens
et de la moniere de fere jugement, ferner das Bild eines Lit de justice v. 1331 in Bibl.
nat. ms. lat. 18437 fol. 2,2) und die herrliche Digestenhs. Clm. 14022 (14. Jahrh.)3) lassen
mehrmals den Richter mit schlicht erhobener Hand fungieren. Dort würden sich ins-
besondere auch Parallelen finden zu dem Redegestus des Urteil fragenden Richters von
D50a Nr. 4 (=H24a Nr. 4 (Taf. XXVI 8), 80a Nr. 3, 4, 84a Nr. 3, 17b Nr. 2.
Unmittelbar aus schriftlicher Quelle läßt sich diese Gebärde bei Ausübung der richter-
lichen Befehlsgewalt allerdings, wie es scheint, erst in einem späten Anwendungsfall nach-
weisen: das Gericht vor dem Roland zu Halle hegt im Jahre 1747 der Schultheiß ,mit
aufgehobener Hand'.*) Dafür empfängt aber die oben ausgesprochene Vermutung noch
Stützen von anderen Seiten her. Auf Siegeln5) und öfter noch auf Münzen,6) auf Gerichts-
kreuzen,7) auf Befriedungspfählen,8) auf Stäben9) und in Gestalt von befriedenden Geräten10)
erscheint, bevor sie sich in eine schwörende Hand wandelt, die flache Hand als Wahr-
zeichen des Gerichts und der befriedenden Gewalt, ganz und gar gleichend jener

*) Westfäl. Pronnzialblälter Bd. I H 4 (1830) Taf. IV, VI. Daß der Richter auf Taf. IV kein geist-
licher, wie a. a. O. 153 angenommen wird, zeigt seine Tracht.

2) Reprod. in Bibl. nat. dep. des manuscrits. i'ac&imiUs etc. (Par. 1900) Nr. 40 und bei Lacroix
Moeurs etc. 531.

3) S. oben S. 195 Note 2. Der ,Prätor' hält bei dem Buch de in integrum restitutionibus eine Lilie,
bei de condiccione furtiva ein Schwert in der einen Hand. Zwölfmal erscheint er mit dem Redegestus
und zwar meist, indem er beide Hände erhebt, nur einmal mit dem Befehlsgestus.

4) Dreyhaupt Petgus Neletiä II (1755) 507. Dagegen allerdings Friedewirken mit Aufrichtung
von 2 Fingern 1450, ebenda 471 f.

5) Gerichtssiegel bei Baumann Geschichte des Algäus III 240, II 18S.

G) Z. B. Dannenberg Die deut. Münzen der sächs. u. fränk. Kaiserzeit I Nr. 414, 415, 416, 1249,
1250, 1253, II 1596 und Taf. 89 Nr. I—IV; v. Posern-Elett Sachsens Münzen etc. I Taf. XIX 2-ä,
XLII 8. Natürlich muß von dieser Hand die Dextera Domini, die ebenfalls oft als Münzbild vorkommt,
unterschieden werden.

7) Hölzernes Centgerichtskreuz zu Neustadt in der ehemal. Grafschaft Breuberg Ktinstdenkm. im
Großht. Hessen, Kreis Erbach 203. Ein ähnliches Kreuz aus Eisen befindet sich an einem Hause zu
Erlenbaeh a. M. (Mitteilg. v. R. Schröder). Nachricht von einem solchen Kreuz zu Echternach bei
R.Schröder u. Beringuier Die Molande Deutschlands 10. Die eingeschnittene Hand an diesem Kreuz
als eine Nachbildung des Handschuhs aufzufassen, ist eine unnötige Hypothese.

s) Dahin gehört die sog. Saltnerhand oder Saltnertatze in den Weingärten von Südtirol. Vgl.
damit das regiam manian apparenter ponere zum Zeichen der specialis guardia et protectio regis bei
Du Cange Gloss. s. v. Mantis.

9) Die französische inanus justitiae streckt zwar gewöhnlich nur die Schwurfinger ans, was Laborde
Gloss. frani;. du vwyen äge s. v. Baston a seigner und Viollet le Dnc Dict. du mobüier IV 322 f. für
einen Segensgestus ansehen. Aber die manus j. auf Heinrichs IV. Paradebett {Stich v. Briot 1610) ist
eine völlig flache Hand.

10) Die Gerichtshand zu Geising, auf die man Frieden geloben mußte, beschr. im Anzeiger für
Kunde der deut. Vorzeit 1881 Sp. 237. Vgl. damit die Angaben über ein ähnliches Gerät bei K. Stallaert
Glossarium van verouderde rechtslermen I 555 Nr. 9.
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