Amira, Karl von  
Die Handgebärden in den Bilderhandschriften des Sachsenspiegels — München, 1905

Seite: 199
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richtenden Königshand in 0. Um ferner einem Ort den Marktfrieden zu verleihen, schickt
der deutsche König seinen Handschuh hin, d. h. er stiftet mit dem Kleide das Abbild
seiner Hand to bewisene dat it sin wille si1) und fortan hängt nach unsern Illustrationen
am Marktkreuz der Handschuh,3) am Zeichen des Sonderfriedens das Zeichen seiner Quelle-
Arn einfachsten erklärt sich dies Alles, wenn die erhobene flache Hand die Gebärde war,
womit der Friedensbewahrer das Ding hegte und den Frieden setzte. Das ist denn auch
der Kern der Sage vom Ursprung des Magdeburger Stadtrechts: Do gap in der ~kunig
also getan recht, als er tegelichen in seinem hofe hatte, das bestetigte er in mit der Homer
urhunde und bot seine hant dar. do greiff an eyn Icoivffmann und czoch im den rechten
hanczken us der hant. do wart in sente Peters frede geivurcht obir von gotis kalben mit einem
~krewcze. das ist noch das orkunde, wo man newe stete baicet und merkte maehit das man do
eyn krewcze seczit uff den markt dorumb [das man sehe das da ein ivicvride si unde
henget da des kunigis hantzihen durch] das man sehe, das es des kunigs wille sey.3)
Das angelsächsische Recht endlich kennt unter den verschiedenen Sonderfrieden einen, den
der König mit seiner Hand verleiht (gridpcct he mid his agenre liand syld, cyninges handgrid)
und unterscheidet die pax data manu regis von der pax per breve data.*) Mündlichen
Befehl des Friedensbewahrers begleitete also jedenfalls eine Bewegung seiner Hand.

Vorzüglich eignete sich der Jtedegestus für die Urteiler, — mit Ausnahme des
Urteilfind ers, zu dessen recht weisen dem Ausspruch besser eine hinweisende Bewegung
(unten Nr. 6) passen mochte. Erwägt man die rechtliche Bedeutung des ,Folgens' nach
einem gefundenen Urteil, insbesondere für das Ermitteln der ,mehreren Menge1 und für
die Zulässigkeit der Urteilsschelte,5) so wird man zu der Vermutung geführt, daß strengem
Recht nach die ,Folge; ihren Ausdruck in einem sichtbaren Zeichen gefunden habe. In
alamannischen Gerichten geschah dies nachweislich durch Handaufheben,6) eine Form, die
wir andererseits auch an skandinavischen Dingversammlungen antreffen, seitdem das alt-
germaaisehe Zusammenschlagen der Waffen dort abgekommen.7) Soll nach einer nieder-
sächsischen Formel ein Achturteil mit fingern, zungen, offenem munde und aufgeschwollenen
(l. aufgehobenen) händen0) ergehen, so könnten da die Gestikulationen des Finders (bezw.
Ausgebers) und der Folger unterschieden sein. Wie es sich aber auch damit verhalten
möge, jedenfalls gewinnen unter den obigen Gesichtspunkten die mancherlei Darstellungen9)
von Schöffen und Dingleuten mit Redegesten wieder an Wert, wiewohl die Hss. nicht
immer dabei einig gehen. Erscheinen doch auch auf der oben S. 198 angeführten Miniatur

1) Ssp. II 26 § 4 (vgl. nächste Note) Mon. Germ. Constit. II 75 (a. 1218). Dazu J. Grimra Rechts-
altertümeri I 212 f.

2) D 28b Nr. 4 (zu II 26 § 4), 49a Nr. 5, 54b Nr. 4. H 23a Nr. 5, 28b Nr. 4 (Taf. XXV 12, 13,
XXXI 6). 0 49a Nr. 1, 83b Nr. 1. Hs. der Petropaulin. Bibl. zu Liegnitz (a. 138G} I fol. 32b (bei Böhlau
Novae constitutiones etc. Taf.). Hs. der Milichschen Bibl. zu Görlitz (a. 1387. ebenda).

3) Rechtsbuch v. d. Gerichtsverfassg. (bei Laband Magdeburger Rechtsquellen} 4 §3 (die einge-
klammerten Worte nach der Cellischen Hs.). Sachs. Weichbild (bei v. Daniels Rechtsdenkmäler) IX 3.

*■) Die Belege bei R. Schmid D. Gesetze der Angelsachsen 584.
e) Planck D. deut. Gerichtsverfahren- im MA. I §§ 38, 39.

6) J. Grimm Weistümer V 156, ferner I 202, 210, 215, IV 270, V 112, 149.

7) Die Belege bei Fritzner Ordbng nver det ganüe norske Sprog s. v. löfatak 2. Dazu s. K. Maurer
in Germania Zschr. f. Deut. Altert. XVI 320—331.

9) J. Grimm Weistümer III 270.

9) Außer den früher angeführten: D 70b Nr. 3, 80a Nr. 5, 82a Nr. 1, 88b Nr. 3, 20b Nr. 1.
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