Amira, Karl von  
Die Handgebärden in den Bilderhandschriften des Sachsenspiegels — München, 1905

Seite: 201
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/amira1905/0040
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
201

Dieselbe Handbewegung diente aber wahrscheinlich auch noch als Zeichen anderer
Zustimmungen. In D 75b Nr. 2 erklärt eine Frau ihre Einwilligung zum Verleihen
ihres Grutes mit dem Redegestus. In D 15 b Kr. 5 geht der Vergaber eines Grundstücks
seinen Erben um die Erlaubnis an, indem er dessen erhobene Hand am Gelenk ergreift.
Die entsprechende Zeichnung von 0 27 b Nr. 1 läßt dieses subjektiv-symbolisch gemeinte
Ergreifen weg, dagegen den zustimmenden Erben beide Hände erheben. So erteilt auch
im Balduineum (Taf. 5) König Heinrich, die flache rechte Hand erhebend, seine Zustimmung
zur Trauung seines Sohnes Johann mit Elisabeth von Böhmen- und scheinen ebendort
(Taf. 4) zu Heinrichs Altarsetzung nach seiner Wahl zwei Kurfürsten durch Erhebung der
rechten oder linken Handfläche zuzustimmen. Schriftliche Zeugnisse sagen oftmals, wo
Jemand der Zustimmung eines Andern bedarf, er müsse das Geschäft ,mit dessen Hand*
abschließen.J) Dieses kann man bis in den Beginn des Mittelalters zurück verfolgen.
Urkundlich wird da z.B. cum manu consentientis veräußert,*) eine geschehene Veräußerung
aber proprio, manu vor dem Richter und in Anwesenheit Vieler bestätigt.3) So wenig wie
in diesem Falle, wird die Hand auch in der Formel manum consensus portigere (1156),
seine hand darsu Meten,*) wenigstens nicht schon ursprünglich einen bloß metaphorischen
Sinn gehabt haben. Zwar ließe die angeführte Formel daran denken, die Zustimmung
sei wie im altnorwegischen Recht5) mittelst Handreichung erteilt worden. Aber eben
die Bilder zeigen, daß wir uns die mamis consentientis doch nicht immer als dargereichte
Hand vorzustellen brauchen, und in einzelnen urkundlichen Fällen scheint dies auch der
Zusammenhang des Herganges auszuschließen wie z. B. bei dem Verzicht, den das Rechts-
buch von Briel a. a. 0. erzählt. Bei der Einseitigkeit des Geschäfts würde die Vermutung
ohnehin nicht dafür sprechen.

Bei andern außerprozessualen Geschäften bleibt nach sächsischem Recht für
die Anwendung des Redegestus wohl nur ein geringer Spielraum, weil andere Gebärden
bevorzugt waren. Gänzlich verschlossen dürfte er aber auch jenen kaum gewesen sein.
Schon das manulevare in südwest-germanischen Tochterrechten6) legt den Gedanken daran
nahe. In einem Falle werden wir aber auch bezüglich des sächsischen Rechts auf Grund
unserer Bilder jene Annahme fester begründen können. Bei Auflassungen von Liegen-
schaften zeigen sie uns den Veräußerer, wie er die eine Hand erhebt, während er mit der
andern das Auflassungssymbol überreicht.7) Dies entspricht den urkundlichen Formeln,

*) Haltaus Glossarium Sp. 795 f. Swsp. Lnr. 25, 60, 122. Österr. Landr. I 21, 33. Wiener Stadtrb. 137.
Rechtsboek van den Briel S. 177, 178. Vgl. auch F. Bischoff zu Steierm. Landr. art. 117. Das mit der hand
eines Andern war sicherlich nicht von jeher und zu keiner Zeit in allen Fällen soviel wie ,durch die Hand
des Andern', wie allerdings nach Wiener Stadtrb. 116, 120 bei Verkauf eines Berg- und eines Burgrechts,

2 Du Cange Gloss. s. v. manus.

3) Erhard Cod. dipl. Wesifal. II152 (a. 1180).

*) Bei Haltaus Sp. 796.

b) Amira Nordgerman. Obligationsrecht II 317 f.

6) Du Cange s. vv. manulevare — manulevatio. — Bilder, die bei Kaufverträgen die Kontrahenten
mit erhobenen Händen zeigen, wie z. B. Clm. 13Ü01 bei Swarzenski Regensb. Buckmalerei Nr. 43, Maness.
Hs. bei Kraus Taf. 102, Clm. 14022 (französ. Digestum 14. Jahrh.) vor Hb. XVIII tragen nichts aus. Sie
scheinen sich auf die Vorverhandlungen zu beziehen. Der Kaufabschluß selbst erfolgt in der angeführten
Digestenhs. durch Handreichung (Miniatur vor Mb. XIX).

7} Außer den früher angeführten Stellen D 13 a Nr. 2, 0 46 a Nr. 2 und Bruchstück einer verlorenen
Hs. bei Spangenberg Beiträge Taf. IV (wozu Genealogie 374).
loading ...