Amira, Karl von  
Die Handgebärden in den Bilderhandschriften des Sachsenspiegels — München, 1905

Seite: 214
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/amira1905/0053
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
214

mulier qui stint qui tc accumnt? Gm. 835 fol. 70a, oder der Fragen, die Daniel den beiden
Alten, Belsazar dem Daniel, Holofernes seinen principes vorlegt ib. 106a, b, 108a.1) In
dem unmittelbaren Muster der Ssp.-Illustration, der großen Bilderbs. von Wolframs Wille-
halm, dient der Befehlsgestus schon zum Ausdruck nicht mehr bloß des Zuredens, Drohens,
Katschiagens, sondern überhaupt alles lebhaften Sprechens2) wie bei dem mit Gyburg
disputierenden Terramer, bei den sich unterhaltenden Gästen.

In der Grundbedeutung selbst begegnet der Befehlsgestus auch in D 62a Nr. 1, H 4a
Nr- 1 (Taf. IV 1): der Herr zieht Zeugen darüber, daß sein Mann ihm ein Lehen ableugnet.
Aus der Grundbedeutung erklären sich ferner verschiedene Anwendungen des Befehlsgestus
in der Ssp.-Illustration. Man bedient sich seiner bei einer Beratung D 82 a Nr. 2, b Nr. 2, 3,
83b Nr. 5, 6, 18b Nr. 2, bei einer Belehrung 30b Nr. 4 und darum namentlich beim
Stäben eines Eides 81b Nr. 5, a Nr. 4, bei einer Rechenschaftsablage IIa Nr. 2, bei
einer Warnung 12b Nr. 5, beim Abgeben eines Zeugnisses D 20b Nr. 2, 27 b Nr. 4, 5,
54a Nr. 6, 65b Nr. 1, 71a Nr. 3, 89a Nr. 5, 55a Nr. 2, 3, beim Wählen, 0 29b Nr. 3,3)
besonders oft aber beim Finden eines Urteils D 17b Nr. 2, 26b Nr. 4, 27b Nr. 4, 46a
Nr. 5, 50a Nr. 1, 4, 58a Nr. 4, 75a Nr. 2, 78b Nr. 3, 79a Nr. 5, b Nr. 3, 82a Nr. 3, 5,
84a Nr. 2, 87a Nr. 5, 91b Nr. 1, H 21b Nr. 4, 24a Nr. 3, 44) (Taf. XXIV 1, XXVI 7, 8),
0 39a Nr. 3, 68b Nr. 3, — beim Anbringen einer Forderung oder Klage D 19a Nr. 4,
28a Nr. 4, 31a Nr. 1, 37a Nr. 5, 44b Nr. 1, 49b Nr. 3, 53b Nr. 5, 54b Nr. 3, 55a Nr. 1.
b Nr. 4, 58b Nr. 1, 62b Nr. 4, 64a Nr. 1, 71b Nr. 2, 79b Nr. 2, 83a Nr. 4, 89b Nr. 1,
W 34a Nr, 4, H 13a Nr. 2 (Taf. XIV 7), 0 27b Nr. 3, 50b Nr. 2, 51a Nr. 1, 61a Nr. 1,
— aber auch beim Antworten auf die Klage, insbesondere beim Vorbringen von Einwänden
D 30b Nr. 5, 37a Nr. 5, 38b Nr. 1, 42b 1, 50b Nr. 2, 52b Nr. 1, 56a Nr. 1, 79b Nr, 3,
81b Nr. 1, 82a Nr. 1, 2, b Nr. 2, W 34a Nr. 2, 0 41b Nr. 2, 50b Nr. 2, überhaupt aber
beim Erheben einer Behauptung oder eines Widerspruchs oder eines Vorbehalts D 41b
Nr. 4, 51a Nr. 4, b Nr. 1, 53b Nr. 2, 61b Nr. 4, 62a Nr. 1, 65a Nr. 1, 3, 4, 69b Nr. 2,
71b Nr. 1, 74b Nr. 5, 76a Nr. 1, 5, 86b Nr. 1, dann wieder beim Erteilen einer Zustimmung
D 9b Nr. 5, 12b 5,5) beim Vortrag des Vorsprechers D 50b Nr. 1, 79a Nr. 5, ferner beim
Abreden eines Vertrags D 51b Nr. 4, 67b Nr. 1, 2, 68b Nr. 1, 4, 90a Nr. 2, vornehmlich
Über ein Gewette D 45b Nr. 3, 48b Nr. 4, 49a Nr. 1—4, 78b Nr. 4, 82b Nr. 5, 83a

') Vgl. auch den fragenden Achis im Psalterium aureum zu S. Gallen bei Rahn Taf. VIII, dazu
Rahn S. 31, den fragenden Herrn aus der Heidelb. Hs. des Wälschen Gastes bei Vogt u. Koch Gesch.
der deutsch. Literatur 208/209.

2) Ebenso wie in der späteren Malerei; s. z. B. Kraus Maness. Hs. Taf. 33, 38, 93, 96, 110,
119, 124, 126.

3) Vielleicht auch H 21 a Nr. 2 (Taf. XXIII 5), D 47a Nr. 2, wo ich aber doch für wahrscheinlicher
halte, daß, ebenso wie die geistlichen Vorwähler im vorausgehenden Bilde von H, der Erztruchseß und
der Erzmarschall mit dem Zeigefinger auf den König deuten. A. Mg. R. Schröder Neue Heidelb. Jahr-
lücher VIII (1898) S. 5 Note 3 und P. Puntsehart Mitteil, des Instit. f. österr. Geschichtsf. XXV 666.
Ganz sicher nicht hieher gehört H Taf. XXIII 6, wo genau so wie in Nr. 4 nur .Fingerzeige' stattfinden,
ebenso wenig aber D 47 a Nr. 1, wo der Fingerzeig durch den Segensgestus (oben S. 202) ersetzt ist.

*) Hiezu vgl. oben 172 Note 2, 171 Note 1.

5) Aber nicht auch 15b Nr. 5, wozu das genau entsprechende Bild aus W bei Grupen Teut. Altert.
Taf. zu S. 1 (oben) reproduziert ist. Grupen a. a. 0. 2 und Homeyer zu Ssp. I 52 § 1 sehen den Finger-
zeig der beiden ersten Figuren, über dessen Bedeutung nach S. 183 oben gar kein Zweifel aufkommen
kann, für die Gebärde der Einwilligung an. Über einen anderen Irrtum s. unten Nr. 29.
loading ...