Amira, Karl von  
Die Handgebärden in den Bilderhandschriften des Sachsenspiegels — München, 1905

Seite: 220
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IV.
Darstellende Gebärden.

Die darstellenden Gebärden, die allein uns hier beschäftigen, unterscheiden sich von
den bisher besprochenen durch das Gleichnishafte, das bei ihnen zum Zeichenhafteh hin-
zutritt. Sie ahmen eine Handbewegung nach, worin die Hand Werkzeug wäre.
Indem sie nur nachahmen, suchen sie im Beobachter die Vorstellung von einer bestimmten
Handlung oder auch einem bestimmten Zustand zu erwecken. Möglicherweise genügt
ihnen dies. Oft aber ist ihnen das Erwecken jener Vorstellung nur Mittel zur Erweckung
einer zweiten, vielleicht auch noch mehrerer, die sich mit der ersten associieren. Unter
dem für uns vor allem maßgebenden Gesichtspunkt der äußei'en Form ordnen sich sämtliche
darstellenden Gebärden in zwei Gruppen, je nachdem die Handbewegung für sich allein
oder nur in Berührung mit einem bestimmten Gegenstand eine Gebärde ausmacht. Im zweiten
Falle, dem der räumlich begrenzten Handbewegung, kann die Hand sich auf das Berühren
beschränken — Tastgebärde —, oder den Gegenstand ergreifen — Greifgebärde. Wir
setzen die räumlich unbegrenzten' Handbewegungen voran, ohne damit ihr genetisches
Verhältnis zu den Tast- und Greifgebärden vorweg bestimmen zu wollen. Es wird sich
im Gegenteil zeigen, daß gewisse räumlich unbegrenzte Gebärden eine Tast- oder Greif-
gebärde darstellen und darum voraussetzen.

8. Der allgemeine Ablehnungsgestus. Der Unterarm wird meist gegen eine
bestimmte Person oder Sache erhoben, die Hand mit vorwärts gekehrter Innenfläche auf-
gerichtet (Fig. 8 a). Zu dieser Normalform gibt es mehrfache Varianten: Bald erhebt
sich auch der Oberarm, mit dem Unterarm einen Winkel bildend (Fig. 8 b), bald streckt
sich der ganze Arm geradlinig, sei es wagrecht, sei es gesenkt, aus (Fig. 8 c). Auch je
nach dem Winkel am Handgelenk ergeben sich Verschiedenheiten. Unter Umständen
kann die Hand sogar in einer Achse mit dem Unterarm liegen (D8b Nr. 1). Die Finger
bleiben fast immer gestreckt und aneinander geschlossen. Nur einmal werden sie leicht
gekrümmt. Besonders auffällig ist eine Variante, wobei der Unterarm scharf spitzwinkelig
zum Oberarm gestellt und die Hand gezwungen seitwärts gedreht wird (Fig. 8d). Bei
oberflächlichem Besicht kann diese Bewegung mit einer Variante des älteren Bedegestus
(oben S. 174 f.) verwechselt werden, ebenso wie mit seiner Hauptform eine andere Variante
des Ablehnungsgestus (D 38 b Nr. 3, 60 a Nr. 2), welche dessen Handstellung abschwächt.

Die Interpretation dieses Gestus verursacht keine Schwierigkeiten. Er ahmt das
Wegschieben einer Person nach, welches die Symbolik des Künstlers oftmals un-
mittelbar vor Augen führt um ein Zurückweisen oder Ausschließen oder Ablehnen
zu veranschaulichen (unten Nr. 31). Diese letzteren Bedeutungen liegen auch in einigen
Bildern zu Tag, die kein leibliches Wegschieben mehr darstellen, so D 81b Nr. 5, wo ein
Vassall (die erste Figur) bestimmte Kleidungs-, Schmuck- und Ausrüstungsstücke und
damit die ,Gefahr' von sich weist, die er dem Text zufolge .nicht haben' soll, 69b Nr. 3,
wo die schwörenden Lehenserben gegenüber dem Herrn das Gut ,behalten', 70b Nr. 3,
wo das Nämliche einem Vassallen gelingt, 60a Nr. 2, wo ein Mann ein für ihn ungeeignetes
Lehen, 57b Nr. 3, wo er den Vortritt vor seinem Herrn,1) 84a Nr. 1, wo der Urteiler die

]) Übrigens vgl. H lb Nr. 4 (Taf. I 11). wo er den Herrn vor sieb herschiebt.
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