Amira, Karl von  
Die Handgebärden in den Bilderhandschriften des Sachsenspiegels — München, 1905

Seite: 221
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Schelte seines Urteils durch einen Heerschildlosen, 28 b Nr. 4, wo die unmündigen Erben
das Heergewäte, IIb Nr. 1, wo der Mönch die Erbteilung mit seinen Brüdern, 32b Nr. 1,
wo der Dorfhirt den Dienst beim Dreihufenbauern und dieser den Dienst des Dorfhirten,
38 b Nr. 2, wo der Beklagte seine Verhaftung ablehnt, 9 b Nr. 4, wo die Ritterfrau die
nichtrittermäßige Frau von ihrer Genossenschaft, 34b Nr. 4, wo der Mönch den Sünder
Ton der kirchlichen Gemeinschaft, 10b Nr. 3, wo bei der Teilung des Heergewätes der
Altere den Jüngeren vom Nehmen des Schwertes ausschließt. Aus der Bedeutung des Ab-
lelmens entwickeln sich verschiedene andere: die des Ve rweig er ns, so D 38 b Nr. 3, wo
der Besitzer des Grundstücks dessen Herausgabe, 58 a Nr. 3, wo der Vassall die Heerfahrt
15b Nr. 4, wo der kämpflich Gegrüßte den Zweikampf, 59b Nr. 1, wo ein (scheinbar)
Schwörender sein Zeugnis, 24a Nr. 1, wo Dingleute das Dingen verweigern, — ferner die
Bedeutung des Verbietens D15b Nr. 4, 22a Nr. 4, wo der Richter ein vorläufiges
Verbot gegen einen Zweikampf, 28 a Nr. 4, wo er ein Verbot gegen Besitzentziehung
erläßt,1) — des Absprechens D 17b Nr. 4, wo der Urteiler den von der Partei zu spät
verlangten Vorsprecher abspricht, — des Aufsagens 90 a Nr. 3, 89b Nr. 5, wo der Mann
dem Herrn, 89 b Nr. 3, wo der Herr dem Manne ,entsagt', 22 b Nr. 3, wo der zahlende
Schuldner sich vom Gläubiger lossagt, — des Widersprechens 63a Nr. 1, wo die Part«!
dem Wort ihres Vorsprechers,2) 19b Nr. 4, wo der Eid des Kämpfers zur Rechten
dem der gegenüberstehenden Partei, 91b Nr. 2, wo ein Vasall der "Weisung an einen
ungeeigneten Herrn widerspricht. Unmittelbar aus der Bedeutung des Ablehnens ent-
wickelt sich aber auch die des Verzichtens 42b Nr. 5, wo Esau auf sein Erstgeburts-
recht, 10 b Nr. 4, wo die minderjährigen Erben auf das Heergewäte, 29 a Nr. 1, wo der
Zollwächter auf den Zoll des Pfaffen und des Ritters, 81b Nr. 2, wo der Lehenherr auf
den Gerichtsdienst seines Vassallen, 50 b Nr. 5, wo der Vater, 51a Nr. 1, wo die wendische
Mutter auf die Folge des Kindes verzichtet,3) — oder auch des Verschmähens D 8b Nr. 1,
wo Einer den Schild des ihm angeborenen Rechts verleugnet, —ja sogar des Versäumens
31a Nr. 2, wo der Hirt, indem er sich zugleich abwendet und entfernt, zu erkennen gibt,
daß er das zu Schaden gehende Vieh nicht beaufsichtigt. Dem Anschein nach ist der
Ablehnungsgestus hauptsächlich in D daheim, und Parallelen zwischen D und H (vgl. die
Noten) ergeben auch, daß in bestimmten Bildern erst der Zeichner von D das körperliche
Wegschieben durch diese Gebärde ersetzt hat.

Erweist sich schon von hier aus die subjektiv-symbolische Natur der Gebärde, so
auch noch im besondern, wo sie einem Schwörenden beigelegt ist, aus den oben S. 190
erörterten Gründen. Ferner wo das Ablehnen ein Nichtleistenkönnen vertritt wie bei
dem Zeugnisunfähigen D 59b Nr. 1 oder ein Verzichtenmüssen wie bei den minder-
jährigen Erben 10 b Nr. 4 oder ein Nichtfordernkönnen wie bei dem Zollwächter
29 a Nr. 1 und bei dem Lehenherrn 81 b Nr. 2, oder wo die ganze Figur nur subjektiv-
symbolisch zu verstehen ist wie der verbietende Richter an den oben angeführten Stellen,

*) Vgl. auch das Wegschieben des Lehenherrn in H 6a Nr. 4 (Taf. VI 4), D 64a Nr. 4, wo es sich
um das Verbot einer Belehnung in der Kirche handelt.

2) In H 5 a Nr. 1 (Taf. V 1) schiebt sie ihn weg.

3} In H 24 b Nr. 4 (Taf. XXVII 4) schiebt der Vater, im folgenden Bilde die Mutter das Kind
von sich weg.

Abh. d. I. Kl. d. K. Ak. d. Wiss. XXIII. Bd. II. Abt. 51
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