Amira, Karl von  
Die Handgebärden in den Bilderhandschriften des Sachsenspiegels — München, 1905

Seite: 232
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zum Ausdruck des Verweigerns z. B. der Justizverweigerung H Taf. XXXI 7, des Ver-
weigerns einer Antwort, einer Bannleihe, eines Lehens, des Lehensempfangs H XX 2,
XXV 4, I 4, 8, V 12, III 5, V 5, 0 83 a Nr. 1, insbesondere des berechtigten Verweigerns,
des Nichtmüssens (Nichtantworten-, Nichturteilen-, Nichtdienenmüssens H XXIX 4,
IV 8, II 4, 5) dann auch des Nichtanerkennens z. B. Nichtleidens eines fremden Urteils
0 84 b Nr. 1.

Der Zeichner von D hat die Gebärde, was für ihren rein subjektiven Charakter lehr-
reich, an den meisten Stellen nicht verstanden1) oder für unzulänglich erachtet. Er hat
sie bald durch Nr. 14, bald aber auch durch eine Variante von geringerer Ausdrucks-
fähigkeit ersetzt, die in dem bloßen Kreuzen der Hände mit einwärts gekehrten Flächen
besteht.2) Nicht weniger fremdartig schien sie dem Zeichner von 0 (N), denn auch dieser
hat sie ein paarmal in derselben Weise abgeschwächt (73 a Nr. 4, 84 b Nr. 3, vielleicht
auch 35 b Nr. 2) oder aber ganz weggelassen (84 b Nr. 4) oder durch den farblosen Rede-
gestus ersetzt (81 a Nr. 1).

Das Festhalten der einen Hand durch die andere, wohl ihre Fesselung darstellend,
fand als Gebärde der Ehrfurcht schon in der alten Kunst Vorderasiens,3) als Gebärde der
Furcht und Trauer in der altchristlichen Kunst4) Anwendung. Allgemein geläufig und
zwar in allen drei Bedeutungen wird aber das Motiv erst der mittelalterlichen Kunst seit
dem 11. Jahrhundert,6) um sich dann bis ins Spätmittelalter forfczuerhalten.6) Beachtung
aber verdient, daß große Bildercyklen, worin man die Gebärde anzutreffen erwarten möchte,
wie z. B. das Balduineum oder der Cgm. 63 (Wilhelm), die Cgm. 5 und 11 (Weltchroniken),
sie nicht verwerten. Sie scheint nicht dem Leben, sondern ausschließlich der künstlerischen
Tradition angehört zu haben. Aus dieser schöpfte sie der Meister von X, der ihr zugleich
neue Bedeutungen unterlegte.

16. Die Ehrerbietung. Sie besteht im Kreuzen der herabhängenden Hände mit
einwärts gekehrten Innenflächen (Fig. 14), kann also der oben erwähnten Variante von
Nr. 15 gleichen. An Stellen wie D 82 b Nr. 1, 40 a Nr. 5 könnte die Variante sogar durch

1) Dieses Miß Verständnis rügte Kopp a. a. 0. II 31. Aber auch ihm selbst begegnete infolge der
Undeutlichkeit der Zeichnung von H ein ähnliches I 54, wo er den Gestus für ein Händekreuzen ansieht.

2) Genealogie 338 Note 2, auch 354.

3) Sittl D. Gebärden d. Griechen u. Römer 151 Note 3.
*) Vöge Malerschule 294 Note 2.

5) Ehrfurcht: Horttts deliciarum her. v. Straub pl. XVter, XXIX quater, XXXIY bis; W. Grimm
Buolandes Liet Atlas Nr. 2, 7. Berlin E. B. Ms. germ. 2° 282 (Eneidt) fol. 140b; Clm. 3900 (Katharinen-
legende c. a. 1250) fol. 1b (Photogr. Teufel PL-Nr. 1236); Clm. 835 (c. a. 1250) fol. 16a, 108a, 109a
(Photogr. Teufel Nr. 2338, 2393, 2395); Cgm. 51 (Tristan) fol. 76, 101, 104b. — Furcht und Entsetzen:
Clm. 835 fol. IIa, 19a; Clm. 3900 fol. 5a {Photogr. Teufel Nr. 1243). — Trauer: Vöge a. a. 0. Berlin.
K. B. Ms. germ. 8° 109 (Marienleben) fol. 88b (eine der bethlebemit. Mütter, bei Fr. Kugler Kleine
Schriften I 35/36), 63b (klagende Frau, bei Janitschek Malerei 113), Clm. 835 fol. 104a, 109a, 149a
(Photogr. Teufel Nr. 2385, 2395, 2413), Milstäter Genesis fol. 32a, 49b (bei J. Diemer Genesis u,
Exodus I 44, 71).

6) Ehrfurcht: Kraus D. Miniaturen der Maness. Idederkss. Taf. 3, 15, 59, 78, 95, 133; Wolfen-
büttel Bibl. Nr. 40 (Heimst. 35a 2°) fol. 6b; Laib u. Schwarz Biblia panpenm Taf. 3 oben; — Tristan
vor Marke auf dem Teppich zu Wienhausen (bei J. Lessing Wandteppiche Taf. 11). — Furcht: Cmgall. 16
fol. 67b, 82a, Wocel Welislaxos BÜderbibel Taf. 13 b und S. 30, Ms. Cotton. Dl (bei Schultz Hof.
Leben II 469).
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