Amira, Karl von  
Die Handgebärden in den Bilderhandschriften des Sachsenspiegels — München, 1905

Seite: 233
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unmittelbares Vorschweben von Nr. 16 veranlaßt sein, einer Gebärde, die vielleicht von
Haus aus auch den gleichen darstellenden Zweck verfolgt wie Nr. 15 außerhalb des Ssp.1)
Ehrfurcht drückt sie aus, ohne daß es einer Neigung des Körpers oder auch nur des
Hauptes bedarf, in 0 6b Nr. 2 (bei Spangenberg Beytr. tab. VI rechts), wo mit dieser
Handhaltung vier Untertanen vor den Kaisern Konstantin und Karl stehen, in 0 70a
Nr. 2 und D 57a Nr. l,a) wo ein Untertan vor dem König, in 0 7a Nr. 1 (bei Spangen-
berg a. a. 0. links), wo Sendpflichtige vor dem Bischof, 0 7a Nr. 3 (ebendort), wo Ding-
leute vor dem Grafen, D 4b Nr. 1, wo Landsassen vor dem Gogreven, 0 74a Nr. 4, wo
ein Dienstmann vor seinem Herrn.

Viel öfter wird sie von der Kunst außerhalb des Ssp. verwendet. Nicht zu ver-
wechseln allerdings mit einer antiken und byzantinischen Ehrl'urchtsgebärde, dem Kreuzen
der Hände vor der Brust, läßt sie sich in der Malerei seit Beginn des 11. Jahrhunderts3)
nachweisen bis hinein ins Spätmittelalter.4) Auch der Zeichner der großen Bilderhs. von
Wolframs Willehalm hat sie benützt (Nürnberger Bruchstück II a). Die Bedeutung bleibt
in allen Denkmälern im Wesentlichen dieselbe wie im Ssp. Vermutlich war der Ehrfurchts-
gestus jene Höflichkeitsform, die der Ausdruck sine hende für sich tmngen (legen, nemen,
haben) bezeichnete.5) Von der höfischen scheint auch die kirchliche Sitte berührt worden
zu sein. Dem Recht war dieses Gebaren zweifellos fremd, ebenso

17. Das Ruhen. Einsitzender oder Liegender stützt den seitwärts geneigten Kopf
in die Hand, ohne daß der Ellenbogen des stützenden Armes gerade aufzuruhen braucht.
Der allgemeine Sinn dieser Hand- und Körperhaltung verengert sich ausnahmsweise mit
Hilfe mimischer Merkmale. Schließt nämlich die Person zugleich ihre Augen wie ein
Schlafender, so kann dies anzeigen, daß sie überhaupt Ruhe haben darf D5Sa Nr. 1,
H 2 a Nr. 1 (Taf. II 1) oder auch, daß sie ohne Verschulden von den sie umgebenden Vor-
gängen nichts erfährt D 72 b Nr. 4. Hält sie dagegen ihre Augen offen, so befindet sie
sich in verschuldeter Untätigkeit, in .Säumnis' 20 a Nr. 2. Der nicht als Stütze dienende
Arm kann in Fällen der ersten Art völlig bewegungslos verharren oder aber die Hand
unter den stützenden Arm schieben.6) In einem Fall der zweiten Art erhebt er sich zum

:) S. Voge Malerschule 289.

2) Die Komposition ist hier umgearbeitet, Genealogie 333.

3) Clin. 4453 (e. a. 1000) fol. 231 b unten (Photogr. Teufel PL-Nr. 1063). 01m. 15903 (c. 1200) fol. 7 a.
W. Grimm Ruolandes IAet Atlas Nr. 36. Clm. 17401 (Theophiluslegende) Photogr. Teufel PL-Nr. 1389.
Über die Berliner Eneidths. Fr. Kugler Kleine Schuften I 50.

*) Cgm.5 fol. 56 b, 60b, 176a. Cgm. 11 fol. 42b, 43b. Clm. 4523 fol. 56a unten. Clm. 23425 fol.7a
unten. Cgm. 20 fol. 17a, b, 19b. Irmer Die Romfahrt Heinrichs VII. Taf. 4 unten, 17 oben, 22 oben,
36 unten. C. pal. germ. 848 fol. 213a (bei Kraus Mi». Taf.70). Fr. Pfeiffer D. Weingartener Liederhs. 116.
Salomoteppich im h. Museum zu Braunschweig Nr. 35/36 (14., nicht 15. Jahrh., wie der Katalog sagt).
Mosesteppich ebendort Nr. 33. Gemälde auf einer Truhe im Bayer. Nationalmuseum zu München, Nr. 18
(Photogr. Teufel PL-Nr. 3561, 14., nicht 15. Jahrh.). Wandgemälde, im Garelsaal zu Runkelstein, bei
Walz Garel 175.

5) Belege bei M.Haupt zu Engelhard v. 3678 ff., zu Erec v. 294, F. Bech zu Erec v. 297, W. Hertz
Tristan3 S. 505. Rother ed. Bahder v. 2807. S. auch K.Bartsch Gesumm. Vorträge 229. Bei katholischen
Klostergeistlichen und im griechischen Orient auch bei Laien ist das Kreuzen der herabhängenden Hände
noch heute als Grußform, in der orthodoxen Kirche als Zeichen der Ehrerbietung beim Gottesdienste
im Gebrauch.

6) Aus einem Mißverständnis dieser Haltung möchte ich die des rechten Arms in D72b Nr.4 erklären.
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