Amira, Karl von  
Die Handgebärden in den Bilderhandschriften des Sachsenspiegels — München, 1905

Seite: 241
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zuletzt angeführten Stellen z. B. legt die eine Partei ihre linke Hand in die rechte der
andern Partei; an der zweiten Stelle liegt die rechte Hand in der linken. Merkwürdig
übrigens, daß in der gleichen Doppelform, wie der hier beschriebenen, die Handreichung
auch schon in der antiken Kunst auftritt.1)

Was die Handreichung als allgemeine Vertragsform ursprünglich darstellt, findet
in dem vorliegenden archäologischen Material keine Aufklärung. Ergreift die eine Hand
die andere, so würde man wohl darauf schließen dürfen, es solle das Verschaffen und der
Erwerb einer Verfügungsmacht (über eine Person':1 ihre Hand?) versinnlicht werden. Daß
jedoch die Illustratoren des Rechtsbuchs hieran dachten, müssen wir, weil ihnen die Hand-
reichung nur Tastgebärde, verneinen.

Abseits von den übrigen Fällen der Handreichung steht ihr Gebrauch bei der Heirat.
Hier gehört sie zur Form des Antrauens der Braut an den Bräutigam. Deswegen wird
sie hier durch den gekorenen Vormund der Braut, — zur Zeit der Ssp.-Illustration und
darum in ihr wie regelmäßig in der zeitgenössischen und der späteren Malerei den Priester,
— vermittelt, indem dieser die Hände der Brautleute kräftig an den Gelenken von oben
oder von unten her ergreift und zusammenlegt D50b Nr. 4, H24b Nr. 4 (Taf. XXVII 3),
0 85 a Nr. 1. Von den zusammengelegten Händen (in H und 0) scheint auch hier keine
die andere zu umschließen, ebenso wie in D IIb Nr. 4, wo die Handreichung zwischen
Mann und Frau lediglich noch als Merkmal ihrer Ehe erscheint. Dieses entspricht dem von
der Reehtsentwicklung im 13. Jahrhundert erreichten Standpunkt, von wo aus die Trauung
als ein ,Zusammengeben', ,Zuh aufgeben', ,Zuh auf befehlen', conjungere erschien.2) Den älteren
Standpunkt, von wo aus die Trauung ein ,Geben', ,Befehlen' der Braut an den Bräutigam,
ein dare conjugem, trauere puellam war,3) vertreten noch Cgm. 51 (Tristan c. 1250?) fol. 11 a,
sowie die Miniatur der Metzer Digesten-Hs. (c. 1300) zum Titel de sponsalibus bei Hefner-

x) So z. B. auf den Vasenbildern bei Roacher Lexikon der griech. u. röm. Mythologie I 1967 einer-
und 1679 f. anderseits.

2) Parallelen vor 1500: Clm. 835 (c. 1250) fol. 104b (Photogr. Teufel Pl.-Nr. 2386). Cgm. 11
(c. 1300) fol. 24 a (wie in O). Cgm. 63 (c. 130O) fol. 105 a (ähnlich wie in D). Clm. 14022 (c. 1300) zu
L. XXIII D. de sponsalibus. St. Gallen Stiftsbibl. 742 (14. Jahrh.) p. 400. Irmer Romfahrt K. Heinr. VII.
Taf. 5 unten (ähnlich wie in D). C. gall. m. 16 (c. 1300) fol. 75 a. C. gall. m. 30 (14. Jahrh.) fol.'7 b.
Giottos Vermäblungabilder bei Thode Grwtlo Abb. 65, 84. Neapel S. Incoronata Gewölbemalerei (c. 1347)
bei Lübke Ital. Malerei I 164. Stuttgarter Ha. von Rudolfs Weltchron. (c. 1350) bei A. Schulz Deut.
Leben Taf. VI 4. Ambraser Kalendar (14. Jahrh.) ebenda Taf. I 2. Hedwiglegende zu Schlakenwerth
(a. 1353) her. v. Wolfakron Nr. 2 (verkleinert auch bei Hottenroth Handb. d. Tracht Taf. 5). Liegnitz
Petropaulin. Bibl. Nr. 1 (a. 1386) fol. 183 b, 337 b. Görlitz Milichache H3. a. 1387 fol. 149 a, 248 a. Berlin
K. Bibl. Ma. germ. 2° 631 fol. 132. Tafelbild dea A. Vivarini (nach 1435) zu Berlin K. Mus. Nr. 1058
(Photogr. Hanfstängl Nr. 677). Hedwiglegende zu Breslau Bibl. (a. 1451) in Gräters Iduna u. Hermode
1812 Nr. 17. Altarflügel (Vermählung Mariae) zu Kiel S.Nicolai (a. 1460). Desgleichen zu Konstanz Ros-
garten Mus. Saal IV. Miniatur des Fouque (c. 1452—60) bei F. A. Gruyer Ghantilly (1897) Nr. III und
Franz Bilder z. Gesch. ä. christl. Malerei (1894) zu II 551. Melusinen Hs. v. 1468 im Germ. Mus. Nürn-
berg (Holzschn. im Anzeiger f. Kunde d. deut. Vorz. 1883 Sp. 165). IÄvro d' ore Borromeo (c. 1476) ed.
L. Beltrami (1896) tav. XIII. C. gall. m. 9 (a. 1486) fol. 172a (Photogr. Teufel Pl.-Nr. 151). C. pal.
germ. 142 (15. Jahrh.) fol. 76b, 99a, 120a, 130a. C. pal. gerra. 152 (15. Jahrh.) fol. 259a, 285b, 290b.
C. pal. 353 (15. Jahrh.) fol. 67 b.

3) Belege der angeführten Terminologie bei Friedberg Das Hecht der Eheschließung 79 ff. Sohm
Das Hecht der Eheschließung 66 ff.
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