Amira, Karl von  
Die Handgebärden in den Bilderhandschriften des Sachsenspiegels — München, 1905

Seite: 260
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Schluss.

Bei einer Rückschau auf die gewonnenen Reihen von Gestikulationen fällt vor Allem
auf, wie weit doch ihre Menge hinter den bisher üblichen Schätzungen zurückbleibt.
Nicht sowohl in der Mannigfaltigkeit des Gebärdenspiels gründet die lebendige Wirkung
der Kompositionen, als in der Häufung und in dem Wechsel der Bewegungsmotive. Den
Kuglerschen Vergleich mit der Pantomimik des Neapolitaners vermögen diese schlechter-
dings nicht auszuhalten. Die Künstler des Ssp. haben nicht einmal diejenigen Ausdrucks-
bewegungen ganz ausgebeutet, die ihnen ihre Umgebung oder die künstlerische Tradition
vor Augen führte. Wohl bleibt eine ganze Klasse von Gebärden, die der zeichnenden
(i. e. S.), von den Gegenständen der bildenden Kunst imvorhinein schon durch ihre ver-
gängliche Form' ausgeschlossen, nnd für plastische Gebärden fanden die Illustratoren des
Rechtsbuches keine Verwendung.1) Aber sie übergingen auch das Fingerrechnen, obgleich
sie mit dem Versinnlichen von Zahlen sich abmühten und obgleich das Bilden von Zahl-
zeichen mit Hilfe der Finger im Mittelalter praktisch gepflegt und Gegenstand einer eigenen
Literatur war. Unter den hinweisenden Gebärden fehlt eine so allgemein gebräuchliche
wie das Winken. Ausdrucksbewegungen für Affekte, wie das Faustballen, das Händeringen,
das Bartgreifen, zu verwerten, hätte sie ihr Text mehr als einmal anregen können, und
doch gaben sie solchen Anregungen nicht nach. Wie weit blieben sie da zurück hinter
älteren Vertretern deutscher Buchmalerei, hinter dem Illustrator des Marienlebens, dem
Zeichner der Eneidt, ja sogar dem des Rolandsliedes! Ja noch mehr: es kommen auf den
rund 950 Bilderstreifen nicht einmal alle diejenigen Gebärden vor, die nachweislich der
Symbolik des Rechts angehörten, z. B. nicht die incurvati äigiti (oben 193 f., 219), nicht
das Auflegen der Hand zum Zeichen des Verzichts, nicht das Auflegen der Finger auf
die Schulter des gekorenen Vormundes (219). Also bei unverkennbarem Trachten nach
Belebung der Komposition (179, 185) doch wieder eine bemerkenswerte Zurückhaltung,
die wir uns nur aus der für diese Meißener Schule höchst charakteristischen Sachlich-
keit erklären können, wenn wir zugleich die von ihr sonst bewährte Erfindungskraft in
Anschlag bringen. Sie beschränkt sich eben streng auf ihre Aufgabe, den Test zu ver-
anschaulichen , ohne die Aufmerksamkeit von ihm abzulenken. Daher treibt sie die
signifikatorische Methode der Darstellung vielfach weiter, als es die ältere Malerei in
irgend einem andern Werk getan hat, — bis zur Aufopferung letzter künstlerischer Rück-
sichten an das rein Zeichenhafte — und das zu einer Zeit, wo die Kunst sich schon
anschickte, jene Methode zu verlassen. Darum auch die äußerste Abkürzung der Szene,
die Beschränkung der Figuren auf die geringste Zahl, mit der verglichen die Figuren-
menge auf gegenständlich verwandten Bildern der Willehalm-Hs. reich erscheint; und
darum auch in der Gestikulation im Allgemeinen nicht mehr als was dazu dienen kann,

:) Über die zeichnenden und plastischen Gebärden s. W. Wundt Völkerpsychologie I 1 S. 157 ff.
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