Amira, Karl von
Die Grosse Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm — München, 1917

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Vor 14 Jahren suchte ich in einer Abhandlung {ßitzysber.
1903 S. 213—240) den Beweis zu führen, daß von Wolframs
v. Eschenbach Heldengedicht Willehalm im dritten Viertel des
13. Jahrhunderts eine Handschrift gefertigt wurde, die den
umfangreichen Text in derselben Weise mit kolorierten Feder-
zeichnungen begleitete, wie seit dem ausgehenden 13. Jahr-
hundert die Sachsenspiegel-Illustration den Text des sächsi-
schen Land- und Lehenrechts. Ich nannte jene Handschrift
die „große" Bilderhs. von Wolframs Willehalm, weil sie u. a.
durch ihre fortlaufende Folge von ungefähr 1380 Bildern sich
von allen andern illustrierten Handschriften des Gedichts un-
terschied, die nur zu verhältnismäßig wenigen Szenen Bilder
darbieten.

Da mit nicht abzuweisender Wahrscheinlichkeit die Hei-
mat jener großartigen Handschrift im östlichen Mitteldeutsch-
land zu suchen war, so stellte sie sich noch näher zur Illu-
stration des Sachsenspiegels, als deren unmittelbare kunst-
geschichtliche Vorläuferin sie sich erwies. Diese Bedeutung
aber muß ihr auch in unserer Zeit noch zuerkannt werden,
obgleich nur wenige Bruchstücke von ihr auf die Gegenwart
gekommen sind. Dabei bringe ich noch nicht einmal den
literar- und kulturgeschichtlichen Wert in Anschlag, den sie
als Zeugnis für die lebhafte Anteilnahme der höfischen Kreise
des Hochmittelalters am Stoff gerade dieses Gedichtes besitzt,
einem Stoff, der ja den heutigen Leser wohl immer kalt lassen
und ermüden wird.

Unter deD Bruchstücken, die mir im Jahre 1903 zur Re-
konstruktion des zerstörten Werkes dienten, befanden sich auch

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