Amira, Karl von
Die Grosse Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm — München, 1917

Seite: 6
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(i. Abhandlung: Karl v. Amira

Meiningen kennen keine anderen Unterscheidungszeichen als
einen Punkt nach jedem Reim. Sie stimmen in dieser Hin-
sicht wie auch in der sonstigen Schreibweise und in der Li-
neatur mit M und H vollkommen überein, wie denn auch dort
und hier die gleiche Hand die Feder geführt hat.

Die Rothschen Fragmente sind nicht die einzigen, die in
Meiningen von der „großen" Bilderhs. zum Vorschein kamen.
Außer einem kleinen Stück von der äußeren, nur mit Bildern
bedeckten Hälfte eines Blattes (Mein. 549), das uns ob seiner
Rätselhaftigkeit noch besonders beschäftigen muß, fand sich
ein ebenfalls textloser Streifen eines andern Blattes (Mein. 551),
wo von den Malereien immerhin noch so viel erhalten ist, daß
sich mit Sicherheit die Textstellen angeben lassen, zu denen
sie gehören, ein Streifen also, der insoferne wie die Nürnberger
Bruchstücke (N) zu bewerten ist. Damit wenden wir uns der
Illustration zu.

Auch von ihr gilt im wesentlichen die Charakteristik, die
ich seinerzeit von den Malereien in M, H und N entworfen
habe (a. a. 0. 220). Auch hier die in der Luft stehenden
untersetzten Figuren mit den großen Köpfen und Händen, den
schematisch gezeichneten breiten und ausdruckslosen Gesichtern,
deren Farbe nur durch Mennigflecken an Wangen und Mund
und Mennigstriche über der Stirn angedeutet ist, die steilen
Nasen, die aufgerissenen Augen unter wagrechten Brauen, die
gelb angetuschten Haare, die bei Männern über der Stirn in
fünf Fransen liegen und nach den Seiten in S-förmigen Wellen
abfließen, das stereotype Gewandmotiv wie z. B. des über dem
Oberschenkel des Spielbeins glatt anliegenden und in Parallel-
falten über den Unterschenkel fallenden Rockes oder der über
den einen Arm drapierten Mantelhälfte, die reine Lokalfarbe
an allen Kleidern, die ausgesparten Glanzlichter der Ketten-
rüstungen, die derben schwarzen Linien, welche die Gestalten
umziehen, die weiß gelassenen Hintergründe. Keine sichern
Merkmale liegen vor, die nötigen würden, eine Mehrzahl von
Zeichnern an der Illustration anzunehmen, wiewohl in Mein. 550
und 551 ähnlich wie in N die Zeichnung stellenweise noch
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