Amira, Karl von
Die Grosse Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm — München, 1917

Seite: 9
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Die „große Bilderhandschrift von Wolframs Willehad". 9

befestigtes Gebäude, das uns von N und H her wohl bekannt
ist. Es ist die Burg von Orange. Und wie in N und H so
erblickt man auch hier wieder unter dem Fensterbogen über
den Mauerzinnen eine gekrönte Frau in derselben Tracht wie
in H, Kyburc. Auf sie deutet der Dichter mit seiner rechten
Hand, weil er dem Hörer zu bedenken gibt, wie sie nach der
Unglücksschlacht auf Alischanz in dem vorchtüch vngemach ge-
blieben und Avie sie Willehalms liebste pfant gewesen sei. Der
Markis, zur Rechten Wolframs, erhebt diesmal seine rechte Hand
zu dem traditionellen Trauergestus, *) weil nach ir im sin
vroivde swant. Auch das Aß (esse), das im nieman ubergeben
hunte in also gewantem zil, hat der Illustrator nicht vergessen.
Er hat es zwischen die Burg und die Figur Wolframs in Ge-
stalt eines einäugigen Würfels hingezeichnet. Nr. 3 (das erste
Bild auf Mein. 548 v) wiederholt den Willehalm in der näm-
lichen Trauerhaltung wie Nr. 2, weil auch hier noch miten in
sinem hercen lac gruntveste der sorgen fvndamint. Rechts vom
Dichter sieht man einen am Spitzhut kenntlichen Juden und
einen hinter diesem stehenden Mann in konischer Mütze, der
den im Text erwähnten „Heiden und Publikan" repräsentiert.2)
Beide weisen mit der rechten Hand auf den ihnen gegenüber-
stehenden Willehalm als auf den Gegenstand ihres Mitleids,
das sie durch den Trauergestus ihrer linken Hand kundgeben.
Der Dichter deutet auf sie mit seiner rechten Hand, weil er
findet: iz mochte irbarmen alle de sint des waren geloub&n anc,
juden, heiden, publicane.

Zu einer neuen Bildergruppe hinüber, von der wir jedoch
nur die ersten Glieder besitzen, leitet ein blaues M, anzeigend,
daß sie den Textabschnitt 163 veranschaulichen will, der mit
dem Vers Mich mvte ouch sin kvmber anhebt. Die subjektive
Fassung der Eingangssätze veranlaßt das erneute Erscheinen
Wolframs in der Mitte von Nr. 1. Wie in den beiden voraus-

') Hierüber s. Handgebärden S. 234.

2) Wen der Dichter mit dem Wort publikune meinte, mag- hier
dahingestellt bleiben. Der Illu strator nahm es jedenfalls für synonym
mit heiden gemäß Matth. XV11I 17: cthnicus et publicanus.
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