Amira, Karl von
Die Grosse Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm — München, 1917

Seite: 10
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(i. Abhandlung: Karl v. Amira

gegangenen Szenen deutet er mit dem linken Zeigefinger auf
den links von ihm in der bisherigen Trauerhaltung stehenden
Markis, mit dem rechten auf eine rechts von ihm stehende
weibliche Gestalt in grünem Unter- und gelbem Obergewand,
wehendem Schleier und mit Trauergebärde. Sie erscheint in
gleicher Tracht im nächsten Bilde, wo wir in ihr die Kaiserin
zu erkennen haben. Sie erscheint aber auch schon hier, um
anzuzeigen, weswegen der Dichter den Willehalm im neben-
stehenden Text entschuldigen will, nämlich wegen der Miß-
handlung, die dieser an der Kaiserin, seiner Schwester, be-
gangen. Als Entschuldigungsgründe führt er an minne vnt
andre not, mage vnt manne tot. Darum schwebt Uber Wille-
halm, ihm zugewandt, das gekrönte Haupt einer Frau, — der
Kyburg, das Symbol seiner „Minne", und richtet er seine Blicke
auf das ihm gegenüberliegende und uns schon von der Vorder-
seite her bekannte Leichenpaar, seine Magen und Mannen. Die
nunmehr folgende Szene1) spielt sich ab zwischen der Königin
und ihrer Tochter Alize. Links sieht man die arg verzeichnete
Kemenate, worin die Königin steht. Sie hält mit der linken
Hand den vor die Tür geschobenen balkenartigen Riegel2) fest,
da sie die Tochter nicht einlassen wollte und aus Furcht vor
dem Übeln Nachbar Willehalm nine ivolte den reget abe stiegen.
Den rechten Zeigefinger erhebt sie gegen die von rechts heran-
tretende Tochter im sog. Befehlsgestus3) zu den Worten tochter
hüte das mir din vride icht verscherte mine Ilde. Alize, die mit
der linken Hand den Türring ergriffen hat, gestikuliert mit der
rechten in derselben Weise, indem sie die Mutter tröstet: mir
stet hie U Scherirs und Buov von Komarzl usw. Die Worte
stehen nicht mehr auf dieser Seite. Aber die beiden Ritter
die auch nach 160 v. 18 f. die Königstochter begleiteten, er-
scheinen hinter ihr.

Auf dem zweiten der Rothschen Bruchstücke, Mein. 550,

1) Abgeb. in Bau- u. Kunstdenhm. Thür. a. a. 0. 259.

2) Über diesen vgl. M. Heyne, Fünf Bücher deutsch. Haus-Alter-
tümer I 231.

3) Hierüber s. Handgebärden S. 212 -216.
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