Amira, Karl von
Die Grosse Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm — München, 1917

Seite: 16
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6. Abhandlung: Karl v. Arnim

Der Leser soll, wo nur immer möglich, die Dinge zu Gesicht
bekommen, die das Wort nennt, — den Helm und den Schild,
die der alten Irmschart nicht ziemen, die Geldmünzen, die sie
ihrem Sohn verspricht, und den Sold, den der Kaiser seinen
Kittern auszahlen, und das Geld, womit er ihre Pfänder aus-
lösen läßt, aber auch das versetzte Schwert, das ausgelöst wird,
die gefallenen Mannen, deren Verlust Willehalms Zorn ent-
schuldigen soll, die abwesende zu Orange eingeschlossene Gat-
tin, an die er denkt, den Juden und den Heiden, die sich seiner
erbarmen würden, das Aß, das ihm niemand zu seinem Spiel
verschaffen kann, das Futter, dessen sich der Marschall, den
Kessel, dessen sich der Truchseß, und den Trunk, dessen sich
der Schenk anzunehmen hat. Ganz ebenso bekommt in N
und H der Leser nicht nur gezeigt, daß Kyburg, Teramer, Ty-
bald sprechen, sondern auch dasjenige, wovon sie sprechen:
den Stern, dem Gott seinen Lauf bestimmte, den Fluß, dessen
Ursprung er geschaffen, ja sogar den Schöpfer selbst, der aller
dieser Dinge gewaltig ist und dem Kyburg zu dienen erklärt,
die Heidengötter, denen sie entsagt hat, weiterhin die Stamm-
mutter Eva, wie sie Kyburgs Worten gemäß ihre Scham und
ihre Brust verdeckte, dann die von Eva verschuldete Höllen-
fahrt von Adams Geschlecht, aber auch die „Trinitäf, welche
die Höllenpforte erbrach, die Fesseln und Bande, von denen
Kyburg sich rühmt den Willehalm geledigt zu haben, das
Land Todjerne, das sie einst zur Heimsteuer erhielt, und die
Krone, die ihr Vater ihr dort aufsetzte, aber auch die Wide,
womit König Tybald sie bedroht. Eben dieser Wortinterpre-
tation verdankt es der Leser, daß er die persönliche Bekannt-
schaft des Dichters machen darf, der wenigstens in den Mei-
ninger Malereien, sobald er von sich selbst spricht, auch ab-
gebildet wird. Allerdings wurde diese naiv geistreichste aller
Erfindungen nicht an allen Stellen verwertet, wo Anlaß dazu
gegeben war, z. B. nicht in H bei Abschnitt 237 v. 4—14,
wo Wolfram seine Kenntnis des Französischen ironisiert, auch
nicht in M bei Abschnitt 389 v. 28 f., wo er sagt, er möchte
den Poidwiz nicht zum Förster eines Waldes bestellen. Viel-
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