Amira, Karl von
Die Grosse Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm — München, 1917

Seite: 17
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Die ,große Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm". 17

leicht war doch eine Mehrzahl von Illustratoren an dem Werk
beteiligt.

Die Mittel, die dem Künstler zu seinen Zwecken dienen,
sind stets die einfachsten. Er kümmert sich nicht um gefällige
Ausführung. Darum der ärmliche Farbenvorrat, der Mangel
jeder Modellierung. Da es ihm noch viel weniger als irgend
einem andern Buchmaler seiner Zeit darauf ankommt, die Wirk-
lichkeit abzuspiegeln, arbeitet er noch viel mehr als jeder
andere mit der Repräsentation und der Abbreviatur.1) Ein
Bogen mit Dreipässen in den Zwickeln und einem Dach darüber
bedeutet einen Kaiserpalast. Erhebt sich ein noch bescheide-
nerer Bau über einer Zinnenmauer, die auf einer grünen Berg-
kuppe steht, so ist es die Burg Gloriete zu Orange. Kleine
Kreisflächen, gelblich angetuscht, stellen Geldstücke vor, eine
grüne Ovalfläche mit einem Turm über Mauerzinnen darin das
ganze Reich Todjerne.2) Ein paar Leichname von Bewaffneten
vertreten die Menge der Toten auf dem Schlachtfeld vor Orange
und wieder die Menge der Mannen, die Willehalm in der ersten
Schlacht von Alischanz verloren. Ein Antlitz kann eine ganze
Figur vertreten, ja der Schild eines Ritters diesen selbst. Nur
bei den Schlachtenschilderungen in M entsteht der Eindruck
größerer Ausführlichkeit, weil dort so viele Menschen und Rosse
zusammengedrängt sind, als der Raum gestattete. Der Vorrat
von Ausdrucksbewegungen, womit die Illustration auskommt,
beschränkt sich auf die eindringlichsten, die Gestikulation und
allenfalls noch die Körperhaltung. Aller Mimik wird aus dem
Weg gegangen. Die Handgebärden gehen nicht über die
traditionellen hinaus. Aber es wird von ihnen ausgiebigster
Gebrauch gemacht, so daß oft der Anschein entsteht, als ob
eine Person gleichzeitig nach verschiedenen Seiten hin gestiku-
liere. Dabei wird die Größe der Hände übertrieben und ge-
waltsame Verschränkung der Arme nicht gescheut (oben S. 8).
Die Personen werden in der Regel nur durch ihre Kleidung

1) Zum folgenden vgl. auch Sitzung.sber. 1903 S. 228—232.

2) Sitzungsber. 1903 Taf. 1 nebst S. 231, 232.

SiUgsb. d. pbilos.-pbilo]. u. d. bist. Kl. Jabrg. 1917, 6. Abb. 2
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