Amira, Karl von
Die Grosse Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm — München, 1917

Seite: 21
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Die „ große Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm". 21

(vielleicht weibliche) Figur in langem Mantel. Aus der unteren
Komposition sind vier Figuren erhalten, die sämtlich sich nach
rechts kehren und in denen wir alte Bekannte begrüßen, näm-
lich von rechts nach links Willehalm, die Kaiserin, den Kaiser
und Willehalms Mutter, Irmschart. Die drei letztgenannten
verhalten sich schweigend, während Willehalm den linken Zeige-
finger aufstreckend redet. Auf der Kehrseite (Taf. II) stehen
in beiden Bildern rechts Alize und links der alte Heimerich
einander gegenüber, beidemal, soweit die Reste des oberen
Bildes ersehen lassen, in gleicher Haltung und mit gleichem
Redegestus.1) Aber im oberen Bilde kauert zwischen ihnen
eine knabenhafte Gestalt, rechts nach Alizen aufschauend und
nur in einen roten Kittel gekleidet, der die Beine bloß läßt,
und an den Knien anscheinend blutig verletzt. Es wäre nun
zwar vielleicht möglich mit mehr oder weniger Zwang zur
einen oder andern dieser Darstellungen einen Text in dem
uns vorliegenden Willehalm-Epos Wolframs ausfindig zu machen.
Aber außer Stand sehe ich mich schon, einen Text dort nach-
zuweisen, wozu jene Bilder in so naher Aufeinanderfolge ge-
hören könnten, und außer Stand insbesondere einen Text nach-
zuweisen, der ein Gespräch Heimerichs mit Alizen in Anwesen-
heit eines Knaben oder über einen Knaben erzählt. So scheint
mir nichts übrig zu bleiben als die Annahme, daß die große
Bilderhs. außer dem uns bekannten Gedicht des Wolfram noch
einen weiteren Text enthielt, der ebenso wie dieses illustriert
war und zu dem das vorliegende Bruchstück gehörte. Uber
einen solchen Text kann man zurzeit eine Vermutung nur mit
äußerster Vorsicht wagen. Ich wenigstens kenne keinen, der
diese Bilder ausreichend erklären würde. Nahe läge jedoch
der Gedanke an eine Fortsetzung des Willehalm-Epos die etwa
noch die nächsten Ereignisse nach der siegreichen Schlacht
auf Alischanz behandelte. Eine solche Fortsetzung brauchte
ja nicht so weitschweifig gedacht zu werden wie die Renne-

x) Das untere Bild in Umrissen in Bau- u. Kunstdenlm. Thür.
a. a. 0. 259.
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