Amira, Karl von
Die Grosse Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm — München, 1917

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6. Abhandlung: Karl v. Amira

wart-Dichtung des Ulrich von Türheim. Mit einer Illustration
nach Art der zu Wolframs Gedicht wäre das Werk nicht mehr
zu bewältigen gewesen. Immerhin könnten gewisse Motive,
die der Türheimer ausführt, auch in einer viel kürzeren Fort-
setzung vorgekommen sein, so insbesondere die mit den Schick-
salen Rennewarts bis zu seiner Heirat mit Alize zusammen-
hängenden. Denn zu einer solchen Fortsetzung drängte das
Wolframsche Gedicht schon durch den Nachdruck, den es auf
die Taten Rennewarts und seinen Liebesbund mit Alize legt.
Es wäre sogar möglich, daß Wolfram selbst seiner Erzählung
noch einen Abschluß gegeben hätte, der nur in der Urhs. der
erhaltenen Willehalm-Hss. fehlte. Dafür würden auch die sog.
„Ubergangsverse" (467 v. 9—23) sprechen, womit die Wiener
Hs. 2670 von 1320 den Wolframschen Willehalm vor der Vor-
rede zu des Türheimers Fortsetzung beendigt und die in der
Tschudischen Hs. an der entsprechenden Stelle von einer be-
sondern Hand nachgetragen sind.1) Es besteht kein triftiger
Grund zu der Annahme, daß diese Verse nicht von Wolfram
selbst herrühren.2) Auch die hier unterstellte Fortsetzung
würde von Wolfram hergerührt oder doch wenigstens in den
Augen des Illustrators als von ihm herrührend gegolten haben,
da er ihn ja auf dem vorliegenden Blatt auftreten ließ, folg-
lich einen Text illustrierte, worin nach seiner Meinung Wolf-
ram von sich selbst redete oder den Hörer anredete. Mag es
sich nun aber auch mit dem Verfasser der Fortsetzung so oder
so verhalten, es würde der Rolle, die der alte Heimerich bei
Wolfram spielt, durchaus entsprochen haben, wenn er sich dort
bei Alizen als Werber für Rennewart eingefunden hätte, so
wie er es bei Ulrich v. Türheim wirklich tut. Dort treffen wir
ihn in dieser Eigenschaft im Gespräch mit der Kaisertochter3):

1) Lachmanns Ausgabe S. XXXV. Leitzmanns Ausgabe (Heft V)
S. 155.

2) S. auch H. Paul in Beitr. II 322.

3) Das Folgende auf Grundlage des Münchener Cg. 42 fol. 70 f. 83
unter Berücksichtigung der Wiener Hs. 2670 fol. 168, 172 und des Cgm.
231 fol. 26, 31.
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