Amira, Karl von
Die Grosse Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm — München, 1917

Seite: 28
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/amira1917/0028
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
28

6. Abhandlung: Karl v. Amira

bis 1174) wesentlicher Bestandteil der Tracht,1) die der Graf
damals noch mit dem Herzog teilte.2) Gegen 1300 entsteht
durch Einfurchung der Haube unter dem Bügel das aus den
Bildwerken des Spätmittelalters bekannte Grafenbarett mit
seinen zwei mehr und mehr seitwärts ausladenden Hälften.
Besonders für die Zeitbestimmung 1250—1275 spricht auch
der noch unbedeckte Helm, während in Cgm. 63 (etwa 1275
bis 1300) die Helmdecke als üblich erscheint3) und ihr Ge-
brauch viel früher mehrfach bezeugt ist.4) Die Art endlich,
wie der Zeichner die Gegensätze älterer und jüngerer Bewaff-
nung für das Kennzeichnen des christlichen und des heidni-
schen Kämpfers verwertet, hat zur selben Zeit ihr Seitenstück,
vielleicht ihr Muster in dem Wandgemälde des Braunschweiger
Doms, das den Kampf des Heraklius gegen Chosroes darstellt.5)
Hier wie dort die Heiden in Spitzhelmen und mit normanni-
schen Schilden, hier wie dort der christliche Streiter im un-
bedeckten Topfhelm und mit dem jüngeren Dreieckschild.

Zu dieser Zeit steht das Unternehmen der großen Wille-
halm-Illustration in seiner Art einzig da — nicht etwa nur
wegen seines Umfangs, sondern auch und mehr noch wegen
des Geistes, worin es gedacht und ausgeführt wurde. Gewiß
gibt es darin Züge, die es mit vielen andern Werken der bil-
denden Künste im Mittelalter gemeinsam hat. Das abbrevi-
ierend Repräsentative wird überhaupt der Malerei und gar

*J Petz, Grauert und Mayerhofen Brei bayerisch' Traditions-
bücher aus dem XII. Jahrh. S 2, 18.

2) Miniatur im Cod. Fuld. D 11 fol. 14, abgeb. bei G. Heß. Monum.
Guelfica (1784) vor dem Titelblatt. Über die Hs. und die Miniatur s.
Weiland in Monum. Germ. SS. XXI 455. Genau die gleiche Haube
wie in der Willehalmhs. Heimerich trägt der angebliche Widnkind auf
dem bemalten Hochrelief zu Engern (um 1200). S. Hefner v. Alten-
eck, Trachten u. Geräte2 II Taf. 101. Die Tradition hielt eben den
Sachsenführer Widukind für einen „Herzog" und erblickte ihn in dem
Dargestellten.

3) Ein Beispiel bei A. Schultz. Höf. Lebe))'1 II Fig. 68.
*) A. Schultz a. a. O. II 77 f.

5) A. Schultz a. a. O. II Titelbild.
loading ...