Amira, Karl von
Die Grosse Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm — München, 1917

Seite: 29
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Die „große Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm". 29

der Plastik niemals und nirgends ganz fehlen. Die Kunst des
Mittelalters lebt geradezu davon. Aber bis zur Mitte des
13. Jahrhunderts hat kein anderes Werk, das bis jetzt bekannt
geworden, unter so grundsätzlichem Ablehnen aller dekorativen
Zwecke sich so grundsätzlich nur auf die Interpretation des
Wortes geworfen und innerhalb des Kreises dieser Aufgabe so
unerbittlich nach Vollständigkeit gestrebt, — nicht nur keine
der in Deckfarben ausgeführten Buchillustrationen, auch kein
Werk des sogenannten Federzeichnungsstils, nicht der Cod.
Pal. 112 oder seine Vorlage mit den Zeichnungen zum Rolands-
lied des Pfaffen Konrad,x) nicht der Liber ad honorem Augusti
des Petrus de Ebulo im Cod. 120 zu Bern,2) nicht die Original-
zeichnungen zum ,Wälschen Gast', wie wir sie mittels der
spätem von ihnen abgeleiteten Bilder erschließen können.3)
Kein anderer Zeichner hat seine Erfindungskraft so stark von
der Wortinterpretation her anregen lassen, kein anderer aber
auch so zuversichtlich, auf die Einbildungskraft des Beschauers
gerechnet, der sein Vergnügen daran finden soll, die Bildkom-
position unter Führung des Textes durchzudenken, dabei je-
doch sich mit den sparsamsten Fingerzeigen muß abfinden
lassen. Daß der Künstler sich hierin nicht verrechnete, dessen
durfte er sicher sein. Denn so war eben die Geistesverfassung
des höfischen Leserkreises, der solche Gedichte wie das Wille-
halm-Epos liebte. Er war nicht wie die theologisch Gebildeten
geschult im abstrakten Denken. Ihm genügt das Wort nicht,
sein Auge verlangt zu sehen; aber sobald er nur ein Stück
dessen sieht, was er sich vorstellen soll, arbeitet seine Phan-

') Atlas (Steindruckfaksimile) zu W. Grimm, Ruolandes Litt (1838).
4 Px-oben in Lichtdruck bei A. v. Oechelhäuser, Die Miniaturen der
Universit.-Bibl. zu Heidelberg I (1887) Taf. 10. Über die Zeichnungen
v. Oechelhäuser a. a. 0. 56—70.

2) Lichtdruckfaksimile: Liber ad h. A. di Pietro da Ebnli, a cura
di G. B. Siragusa, Tavoli (1905). Über die Zeichnungen Siragusa im
Balletino dell' Istituto Storico Italiano Nr. 25 (1904).

3) A. v. Oechelhäuser, Der Bilderlreis zum Wälschen Gaste des
Thomasin von Zerclaere (1890).
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