Wolfram <von Eschenbach>  ; Amira, Karl von [Hrsg.]
Die Bruchstücke der großen Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm: farbiges Faksimile in zwanzig Tafeln nebst Einleitung — München, 1921

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M 6 a, 7 a <auch 4b> greifen sie in die Textkolumne über.
Doch hat sich hier der Zeichner bemüht, die mit Schrift
bedeckten Stellen zu schonen. Er hat augenscheinlich seine
Arbeit erst verrichtet, nachdem der Schreiber die seinige ge-
tan hatte, und wir dürfen demnach wohl auch annehmen, daß
sein Werk nicht Kopie, sondern Original ist. Von schwerer,
doch sicherer Hand geführt zieht die Feder schwarze Um-
risse, die teils mit Lasur-, teils mit Deckfarben koloriert
werden <auf Nil 05a Taf. XIII einigemal mit Korrekturen !>.
Durchaus schematisch-handwerksmäßig sind die Motive,
summarisch-roh die ausdruckslosen Gesichter und Hände
der Menschen, plump die Leiber der Streitrosse auf steifen
dicken Beinen, eng begrenzt der Vorrat der stets ungemischt
aufgetragenen Farben: Zinnober, Krapprosa, Kobalt- und
Ultramarinblau, lichter Ocker, ein jetzt sehr lichtes, ehemals
wohl tieferes Grün und <nur selten benützt und jetzt meist
abgescheuert oder geschwärzt) Gold. Über deckendem Rot
und Blau von Gewändern sind zuweilen die Falten«
umrisse schwarz nachgezogen. Anläufe zum Modellieren
unternimmt der Maler nur insofern, als er mittels roter
Striche und Tupfen einzelne Teile des menschlichen Körpers
hervorhebt und Glanzlichter an Rüstungen und Schwertern
ausspart. Unbemalt bleiben die Hintergründe, Nebensäch«
liches wie das Zaumzeug der Pferde oft unangedeutet.
Grundsätzlich unangedeutet bleibt auch der Boden, worauf
die Figuren stehen. Ausnahmen auf M 3 b <Taf. VI) waren
vom Text <213v:10> gefordert und ähnlich andere auf
N 1105 <Taf. XIII, XIV). Ebenso grundsätzlich fehlt bei
Sitzfiguren mit Ausnahme des Königs auf Taf. III Nr. 1
jegliche Andeutung eines Sitzgerätes. Wir haben es eben mit
Ge- einem Werk nicht der absoluten, sondern der angewandten
au As- Kunst zu tun. Darum war alles Dekorative von den Zwecken
dieser Illustration ausgeschlossen. Um nichts weiterhandelt
es sich ihr, als ums Veranschaulichen des Textinhalts. Ähn-
lich wie in einer Bilderfibel soll der Leser die Menschen und
Dinge, wovon das Wort spricht, mit dem Auge wahr*
nehmen. Er soll nicht bloß die Menschen sehen, die der
Dichter reden läßt, sondern auch die Gegenstände sehen,
wovon sie reden. Das entsprach nun einmal der Sinnesart
des höfischen Kreises, dem der Besteller einer solchen Arbeit
angehörte. Darum ist Wortinterpretation, bis zur äußersten
Möglichkeit getrieben, ihre Losung. Ihr dienen, da es auf
keinerlei Realismus ankommt, die allereinfachsten Mittel,
die an den Bahnen der mittelalterlichen Malerei lagen: Re«
Präsentation, Abbreviatur, Symbolik. Der Illustrator durfte
auf die Einbildungskraft des Beschauers rechnen, die stets
bereit war, das gegebene Zeichen zu vervollständigen, z.B.
die leeren Gesichter mit Mimik zu erfüllen, während dem
Zeichner selbst Gestikulation und Körperhaltung an seinen
Figuren als Ausdrucksbewegungen genügen. Handgebärden
haben wir nicht selten subjektiv symbolisch, d. h. als Ge«
bärden nicht sowohl der dargestellten Menschen als des
darstellenden Künstlers zu nehmen <vgl. meine Einleitung
zur Dresdener Bilderhandschrift S.28). Drei oder vier Reiter
bedeuten ein Heer, ein paar liegende Leichname von Bewarf«
neten ein mit Gefallenen übersätes Schlachtfeld, ein Bogen
mit einem Dach darüber die Halle eines Kaiserpalastes.

Es ist im Prinzip dieselbe Wortinterpretation, wie sie in
den Bilderhandschriften des Sachsenspiegels durchgeführt
ist. Und dort wie hier hängt damit auch die schon früher
hervorgehobene planmäßige Begleitung des ganzen Textes
mit Bildern zusammen. Darin liegt nun die vornehmlich
kulturgeschichtliche Bedeutung aller dieser großen Bilder*
handschriften, daß sie uns tiefer als irgendwelche andern
in Denkart und Bildungsstand der höfischen Kreise des
deutschen Mittelalters blicken lassen, und es tut dieser
Bewertung keinen Eintrag, gereicht ihr vielmehr zur Be-
stätigung, wenn Symptome gleichen Geistes auch sonst in
der alten Buchmalerei begegnen <Abh. II 29 und die an-
geführte Einleitung S. 32 f.).

Wie die Komposition, dient auch ihre Bemalung haupt« Kostüm-
sächlich dem Gebrauchszweck. Sie will nicht nur die einzelnen lulies"
Gegenstände schärfer auseinanderhalten, sondern nament-
lich auch die dargestellten Personen kennzeichnen <Abh. II
18 ff.), „Darum ist es Regel, daß jede Person stets in gleicher
Gewandung auftreten und nur davon abweichen soll, wenn
besondere Umstände es rechtfertigen. Genügt die Tracht
nicht vollständig ihrem Zweck, so erhält ihr Träger ein
Beizeichen, das ihn wie ein Leitmotiv begleitet, ohne Rück«
sieht auf sinnenfällige Wirksamkeit." So tritt uns gleich auf
Taf. I f. der Dichter viermal entgegen, und dann wieder auf
Taf. XIX, jedesmal in schwarzen Beinkleidern, langem ge*
gürtetem Rock von dunkelblauer Farbe, lichtgelbem Ritter«
mantel und unbedeckten Hauptes. Der Hauptheld des Ge«
dichts, Willehalm, erscheint gemeiniglich <Taf. I, II, VI, XIX)
in Kettenrüstung und lichtgrünem Waffenrock, das Schwert
in schwarzer Scheide <und allenfalls am weißen Gürtel) an
der linken Seite. Aber von andern Rittern in Rüstung unter«
scheidet er sich durch den goldenen Stern, der über seinem
Haupt schwebt und im blauen Feld seines Schildes wieder«
kehrt. Hat er aus friedlichem Anlaß die Rüstung abgelegt
<Taf. XI, XII 1,2), so trägt er <über schwarzen Beinlingen)
einen blauen Rock mit dem goldenen Stern auf der Brust.
<Wenn er auf Taf. XIII 2 anders bekleidet ist, so dürfte
dies auf einem Versehen des Malers beruhen.) Rennewart
begegnet uns, solang er nicht in den Kampf gezogen
<Taf. V 2,3, VI), in schwarzen Schuhen, gelben Beinkleidern
und lichtgrünem <Ärmel«)Rock. Hält er die berühmte, eisen«
beschlagene Keule nicht im Arm, so schwebt sie hinter ihm.
Auf der Heerfahrt dagegen trägt er, seitdem ihn <Wille«
halms Gattin) Kyburg gewappnet hat, über seinen gelben
Beinkleidern oder über Kettenrüstung einen roten Waffen«
rock und einen Eisenhut, im Kampf auch die Halsberge
über den Kopf gezogen <Taf. XIII 2, 3, XV, XVI 2). Der
Illustrator hat sich auch hier an seinen Text 295 v. 1 — 11
und 296 v. 3 — 7 gehalten. Der Kaiser Ludwig ist außer
an seiner Krone an der ärmellosen Sukkenie kenntlich, die
er über einem blauen, einmal auch gelben Unterkleid trägt
<Taf. IV2,3, V2,3),- der alte Heimerich<Graf von Narbon,
Willehalms Vater) an seinem Bart, an der blauen Grafen«
mütze mit gelben Spangen. Meist trägt er eine rote Sukkenie
und gelben Mantel <Taf. III 2, XX). Nur beim Gastmahl
zuOrange,woerwie einTruchseß in Vertretung des Wirtes
die Plätze anweist, besteht sein Anzug in einem langen
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