Wolfram <von Eschenbach>  ; Amira, Karl von [Hrsg.]
Die Bruchstücke der großen Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm: farbiges Faksimile in zwanzig Tafeln nebst Einleitung — München, 1921

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Spätere Wann und wie das illustrierte Willehalm -Werk zu Heimerich, auf und verheißt eine Heerfahrt nach Orange auf

S4l^aIe Grund gegangen, läßt sich nicht genauer angeben. Doch. ihre Kosten auszurüsten, ja sogar sich selbst zu wappnen

Hand- nehme ich an, daß der Codex bereits aufgelöst und aus und das Schwert zu führen. An diesem Punkt beginnt
sArift. seinen Bogenlagen ein ungeordnetes Konvolut gebildet war, M 1 a. Der Text reicht von Abschnitt 161 v. 20 bis Abs Taf. I.

als in deutscher Kursive um 1600 auf M 4a <Taf. IX> der schnitt 162 v. 22. Nr. 1 zeigt die Halle des Kaiserpalastes. Nr-

Vermerk „23o ßffetter" gesetzt wurde. Denn M4a war In ihr stehen links* Willehalm, gekennzeichnet durch die

weder das erste noch das 230. Blatt des unversehrten Buches. Bemalung des zu seinen Füßen über Eck gestellten Schildes

Spätere Besitzer des Konvolutes, denen alles und jedes Vera mit dem Goldstern im blauen Feld <gemäß Abschnitt 328

ständnis für die Überbleibsel des ehrwürdigen Denkmals einer v.9— 11, auch 336 v. 21, 364v.4f, 369v. 13f., 433 v. 14>,

längst entschwundenen Periode deutscher Geistesgeschichte und rechts Irmschart. Der Schild hat an dieser Stelle bloß

abging, haben dann die einzelnen Blätter zu Einbänden ver« subjektiv symbolische Bedeutung, da seit seiner Überwin-

wendet. Von einem Einband des Cod. Pal. germ. 757 ist dung Arofels Willehalm nur dessen Schild geführt und auf

der Bogen M 4,5 abgelöst. Er enthielt nach J. Wille „Die seiner Reise nach Montleon diesen Schild in einem Kloster

deutschen Pfälzer Handschriften des XVI. und XVII. Jahr* zurückgelassen hatte. Wolfram läßt ihn zur Mutter sprechen:

hunderts" S. 106, eine Sammlung von Rezepten aus den der ßefm ist ueß Benennet nießt <= nicht bestimmt) noeß

Jahren 1527— 1580. Das letzte davon soll von der Hand ander wapfen noeß der seßift. Daher läßt ihn der Zeichner

des Pfalzgrafen Ludwig VI. <t 1583) hefrühren. Demnach mit der linken Hand auf einen frei neben ihm schwebenden

wäre das Bruchstück um jene Zeit einem Heidelberger Buch« Helm <wegen seiner Form s. oben Sp. 10) deuten, zu dem

binder in die Hände gefallen. M 6,7 mußten zum Einband auch der darunter stehende Schild gehört. Da aber Willehalm

für das Notizbuch eines Philologen herhalten, der oben auf die von Irmschart zugesagte Geldhilfe annimmt, reichen

M 7a den Titel ÜOIKIAßN AEKTQN Vol. II schrieb und gleichzeitig Beide sich die rechte Hand: dogefoßete im diu

es ständig auf seinem Schreibtisch liegen hatte, wo er es geßiure <= Liebliche), und zugleich weist Irmschart mit

über und über mit Tinte bespritzte. Eine moderne Hand ihrer Linken rückwärts auf acht in der Luft schwebende

hat auf M6a, b, 7 a die Seiten einer verglichenen Vulgata« gelbe Scheiben (= Geldstücke) verschiedener Größe, weil

handschrift angegeben. Aus Büchereinbänden abgelöst sind sie während der Handreichung spricht: von sifßer, von

auch die übrigen Bruchstücke. gofde, von andrem sofde, des antwort icß dirgenuoeß.

Erlau- Ich wende mich nunmehr der Erläuterung der erhaltenen Die Handreichung geht in der altertümlichen Form vor

^d«*" Bilder zu und schicke voraus: Wolfram von Eschenbach sich, die wir aus den Sachsenspiegelbildern kennen: die

Bilder, besingt unter freier Benützung französischer Gedichte die Hände werden leicht erhoben und mit ihren Innenflächen

Vor- stark von der Sage umrankten und entstellten Taten des aneinander gelegt. Hierüber meine Abhandlung über „Die

g"*'*te heiligen Wilhelm, in der Geschichte Herzogs von Aqui« Handgebärden in den Bilderhandschriften des Sachsen«

M l. tanien, 1" 812, den er als Markgrafen der Provence in die spiegeis" 1905, S. 259 — , In Nr. 2 führt der rote Buch« Nr. 2.

Zeit Ludwigs des Frommen versetzt und der ihm als Stabe W, welcher der Initiale des daneben beginnenden

Ideal des christlichen Ritters gilt. Im Epos hat „Willehalm" neuen Textabschnittes <162) entspricht, die zu diesem Ab«

<Guillaume> Arabelen, die Gattin des Araberkönigs Tibalt, schnitt gehörige Bilderreihe ein. In der Mitte erscheint dem

entführt. Sie ist zum Christentum übergetreten, hat in der Beschauer zugekehrt der Dichter <s. oben Sp. 8), der hier

Taufe den Namen Kybürg erhalten und sich mit Willehalm selbst zu seinen Hörern redet: Woft ir nu ßoren ... wie

vermählt. Mit ungeheuren Streitkräften landen Tibalt und dem marßise naeßte vrowede unde ßoßer mut. Zunächst

sein SchwiegervaterTerramer, der Beherrscher von „Baldac" deutet er mit der rechten Hand nach links auf Willehalm,

(Bagdad), an der Küste der Provence, um die Entführte den diesmal der Goldstern über seinem Haupte kennzeichnet

zurückzugewinnen. Um sie, eine „christliche Helena", kommt und der zum Zeichen des wiederkehrenden Mutes sich

es zu gewaltigen Kämpfen. Auf dem berühmten Gräber« gerade aufrichtet und die rechte Hand auf seine Brust

feld bei Arles, „Alischanz" <Alis-Camp, Alechans) wird legt. Wolfram aber fährt fort: unde wie ir fip unde ir

die erste große Schlacht geschlagen, eine Niederlage für gut unde ir gunst mit ßercen <=Herz und) sinne diu

Willehalm. Während Kyburg das feste, vonTerramer be« romiseße Hüninginne mit truwen gap in sin geßot.

lagerte Oranse <Orange> und seine Burg Gloriete hält, reitet Darum deutet er, die Arme verschränkend, mit seiner linken

Willehalm in der Rüstung des von ihm erlegten Arofei, Hand auf eine rechtsstehende gekrönte Frauengestalt im

des Bruders von Terramer, nach Montleon an den Hof Gebände, die „römische Königin", die den Zeigefinger ihrer

des „Königs" Loys, um Hilfe zu suchen. Nach mancherlei rechten Hand aufstreckt <Gelöbnisgebärde> und die Linke

Abenteuern zu Montleon angelangt, wird er schlecht auf« zum Redegestus erhebt. Über diese Gebärden siehe die- an«

genommen. Seinem Schwager, dem König, hält er eine geführte Abhandlung S.216f, 175. Und wieder spricht der

Strafrede. Der sucht ihn zaghaft zu begütigen. Aber die Dichter: nuprußet <= prüfet, erwäget) oueß den grozen

Königin spricht dawider. Im Zorn reißt ihr Willehalm die mort, der ufAfytszanz gescaeß. Den „großen Mord"

Krone vom Haupte und packt sie an den Zöpfen. Eilig repräsentieren zu Füßen der Königin zwei blutige Leich«

entweicht die Königin und verschließt sich in ihrer Kemenate. name von Kriegern. — In Nr. 3 zeigt Wolfram zuerst Nr. 3.

Den erzürnten Oheim begütigt ihre Tochter Alize. Seine nach rechts, darum diesmal mit seiner rechten Hand, weil

Mutter Irmschart ruft die Ritter ihres Gatten, des alten • Die Worte reefcts und links sind stets in heraldischem Sinn zu nehmen.
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