Wolfram <von Eschenbach>  ; Amira, Karl von [Hrsg.]
Die Bruchstücke der großen Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm: farbiges Faksimile in zwanzig Tafeln nebst Einleitung — München, 1921

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das Heer im Zeltlager an, und unter der Textkolumne be«
zeichnet ein Schiff den Hafen, wohin der Rückzug erfolgen
soll: daz ßer in afgemeyne Bat, ßer sofde Beren geyn
der ßaße.

Übergang. Es fehlen nun die drei inneren Bogen der Lage XIII
<6 Blätter) und mit ihnen Abschnitt 222 v. 28-235 v. 14.
Sie berichteten einen nächtlichen Sturm des heidnischen
Heeres auf die Stadt, von der ein Teil in Flammen aufging,
das Anrücken des Markgrafen mit seinen Franken, seine
und Rennewarts Ankunft vor der Feste, den Empfang,
den er hier bei seiner Gattin findet und die Lagerung der
Franken (Tranzoisere) vor Orange. Hieran schließt sich
Taf.XI. M 5a. Nach Ausweis der Initialen ist der Text von
Abschnitt 235 v. 5 — 236 v. 10 der Vulgata in zwei kurze
Abschnitte zerlegt, deren jeder nur ein Bild erforderte.

NM. Nr.l greift mit ihrer rechten Hälfte, wo das Markgrafen-
paar <Willehalm in Haustracht, s. oben Sp. 8> aus einem
Fenster von Gloriete schaut, zurück auf die letzten Verse
von 234: in den venstern wart gefegen von im
unde von der vrouwen. Die linke Hälfte — vier reitende
Ritter mit Bannern — schildert, was von dort zu schauen
war: diu Buninginne Kyßurc ersacß manigen ungevugen

stoup____da manic storie (—Schaar) rurte de ors mit

sporn durc ifen zu (= die Rosse mit dem Sporn zur Eile
antrieb). Der Sporn ist an der linken Ferse des Reiters mit
dem roten Schild in Gestalt des im 13. Jahrhundert noch
allgemein üblichen „Stachels" zu sehen,- vgl. A. Schultz,
Das höfische Leben2 II 82 nebst den Abbildungen 69—72,
11, 18, 24, 32, 33, 36, 42, 44, 46, 48, 62, 63, 65, 76,

Nr.2. 77, 81, 85, Violett-le-Duc a.a.O. V 402 f. - In Nr. 2
reitet Willehalm — abermals in seiner Haustracht — aus
der Burg mit einem Falken auf der linken Hand. Er ver«
tritt die „Franzosen", von denen itsficße waren panicßen
(baneken = zum Erlustigen) geriten durcß Burcewife mit
vederspif. Links nähern sich drei Ritter mit Bannern in
der Richtung der Burg: nu waren oucß Bußen <des Land*
grafen Buov von Kumarzi, eines Bruders von Willehalm)
wart man Bornen unde vunde vrunde da... de Bonden
zu den ersten do sie feiten des wart Byßurc — die aus
dem Fenster schaut — vro. Entgegen der Vulgata leitet

Nr. 3. Nr. 3 einen Abschnitt von wenigstens 45 Versen ein. Der
Markgraf ist wieder zu seiner Gattin zurückgekehrt und
schaut wie in Nr. 1 mit ihr neu anrückenden Reitern ent«
gegen,- wovon der erste und der letzte entblößte Schwerter
(der letzte auch einen Schild) tragen: unfange daz do
werte, unz se von manegem swerte unde von den
scßifden ßficBe durcß grozen stoup saeß dicBe.
Taf. XII. M 5 b. Die rechte Hälfte der Bilderkolumne wiederholt
nun noch dreimal die der vorigen Komposition. Die Be«
sichtigung des sich versammelnden Entsatzheeres durch das

Nr.l. Markgrafenpaar dauert fort. Die fünf Reiter in Nr. 1 ge«
hören noch zu denen von M 5a Nr. 3. Da Kyburg fürchtet,
es seien Feinde, klärt sie Willehalm darüber auf, daß sein
Bruder Bernart von Brubant nahe: unde äffe de mit ime
Bomende sint, de sefßen oucß do pßagen, daz se ßi

Nr. 2. den ersten fagen. — Nr. 2 veranschaulicht das ßerßergen
(fotzirnX das den Dichter zu der berühmten Selbstironie

über seine Sprachkenntnisse veranlaßt (Abschnitt 237 v.
3—14). Die beiden Banner von der vorigen Seite sind auf*
gesteckt, drei Zelte sind errichtet. Zwei darin sitzende Herrn
erteilen Anweisungen an einen durch seine Gesichtszüge
charakterisierten gemeinen Soldaten, der das Zelt anpflöckt,
eine Reminiszenz aus 235, 5 ff. Tranzoisare . . . niuwiu
gezimmer woreßten. — In Nr. 3 Wiffeßafmes ßer Nr.3.
sieß Breite; {gewapnet dazu feite manege storj'e
striteefieße u. s. w.>.

72 ganze und noch beinahe zwei halbe Abschnitte fallen Übergang,
nun aus. In ihnen war der Bericht von der Ankunft der
fränkischen Truppen beendet, dann erzählt, wie die Fürsten
und ihre vornehmsten Begleiter in die Stadt geladen und in
Gloriete bewirtet wurden. Von hier an tritt Rennewart
deutlicher und bedeutender, auch nicht ohne einen gewissen
humoristischen Zug in den Vordergrund. Man erfährt, daß
er ein Bruder von Kyburg, als Kind geraubt, an König
Loys geschenkt, an dessen Hof zuerst Alizen als Gespielin
zugewiesen, dann aber, weil er die Taufe verschmähte, zu
Knechtsdiensten verwendet worden sei. In Gloriete ahnt
Kyburg ihre Verwandtschaft mit ihm. Sie rüstet ihn mit
den Waffen ihres Neffen Sinagon, Eisenhosen und Hals«
berge, Eisenhut und Schwert. Es findet auf der Burg ein
Fürstenrat statt, worauf Ritter und Knechte, „Arm und
Reich", das Kreuz gegen die Sarazenen nehmen. Die noch
bei den Heiden gefangenen Fürsten sollen befreit, die ge«
fallenen gerächt werden. Abermals begeben sich die Fürsten
zur gedeckten Tafel. Hier setzt ein

N 1105, wozu wir den weggeschnittenen Text wieder Taf. XIII.
aus der Vulgata ergänzen müssen. In Nr. 1105a Nr. 1 diu Nr. 1.
vursten uf den pafas giengen, da verdeeßet was
manec tavef ßerfieße; Heimerieß, der zücßten rieße,
zaf den vursten sunder spraeß: „afs man iueß gestern
sitzen saeß, iesfieße ßaßen diu sefßen want. * Von rechts
her schreiten die „Fürsten" mit der Gebärde der Ehrerbie«
tung unter Führung des alten Heimerich heran zur Tafel,
die links bestellt ist. Sie bewegen sich auf grün bewachsenem
Boden, weil sie „auf" den Palas gehen, sich also noch
draußen befinden. Der Zeigegestus Heimerichs bezieht sich
auf die Plätze, die er anweist. In der linken Hand scheint
er, wie auch in Nr. 3 der nächsten Seite, einen Stab zu
halten, weil er noch wie am Tag zuvor auf Bitten des
Markgrafen gleichsam das Amt des Truchsessen verwaltet
(Abschnitt 263 v. 13 f.: in siner ßende was eyn stap, daz
sitzen er mit zücßten gap). Man beachte die Korrekturen
an den Fußbekleidungen. — Nr. 2 führt uns die Kraft« Nr. 2.
probe vor, die Willehalm an der schweren „Stange" Renne«
warts zu bestehen suchte (Abschnitt 311 v. 20ff): dar
gienc manec ritter sider,- iesfießes Braßsießso verßarc,
ir neßeiner was so starc, der si ßüeße von der erde, wan
Wiffeßafm der werde: der zuete si uf unz üßer
diu Bnie, daz miten die andern... In Spannung (Auf«
merksamkeitsgesten) warten die Ritter, ob Willehalm die
„Stange" heben werde. Er „zieht" sie vom Boden auf, der
auch diesmal angegeben werden mußte, knapp über sein
linkes Knie empor. Der Maler hat dabei den Helden in
einen roten Rock gekleidet, ihm auch den goldenen Stern
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