Wolfram <von Eschenbach>  ; Amira, Karl von [Hrsg.]
Die Bruchstücke der großen Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm: farbiges Faksimile in zwanzig Tafeln nebst Einleitung — München, 1921

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vorenthalten, abweichend von der Norm auf Taf. XI, XII
<vgl. oben Sp. 8, 21>. Er scheint die Figur nicht verstanden
zu haben, die ihm vorgezeicfmet war. In diesem Falle müßte
man annehmen, daß die Illumination nicht vom Zeichner
herrühre, eine Annahme, wofür auch die oben angeführten
und sich in Nr. 2 wiederholenden Korrekturen sprechen
würden. — Das Wettheben <der scßimpß 312,1) setzt sich

Nr. 3. in Nr. 3 fort, wo Rennewarts Riesenstärke sogar den
Haupthelden des Gedichtes bei weitem überbietet: Renne"
wart daz drum nam in die ßant: die Stangen swanc
der serjant umz ßoußet afs ein sumerfaten <=dies«
jährigen Zweig). Er hebt mit dem rechten Arm, wovon der
Ellenbogen sichtbar, die „Stange" hinter sich über seinen
Eisenhut. Er trägt die von Kyburg empfangene Rüstung.
Auf dem Rand des Eisenhutes sieht man die edefn steine,
womit er nach 295, 8 geziert ist. Der Aufmerksamkeit^«
gestus seiner linken Hand scheint die ihm gegenüber stehen*
den Herrn zu warnen. Linter diesen glaubt man Willehalm
<die rot gekleidete Figur aus Nr. 2> zu bemerken, der mit
dem linken Zeigefinger auf den (ziemlich verwischten) Boden
zu seinen Füßen weist, wovon Rennewart die „Stange''
aufgehoben hat. — Nachdem Fürsten, Ritter und Frauen
das Handwasser genommen, läßt sich die Gesellschaft an
den Tafeln nieder, und in
Taf. XIV. N1105b vergegenwärtigt Nr. 1 die Sitzordnung, welche

Nr.!. der vom vorigen Tag <s. oben Sp. 22) zu entsprechen hatte.
Demgemäß hat Kyburg ihren Schwiegervater Heimerich
rechts neben sich <265, 17ff.). Links am Ende der Tafel
hat uns der Buchbinder noch Stücke von der Figur des
sitzenden Rennewart gegönnt. Denn Heimrieß do Renne*
warten ßat zer ßuninginne sitzen dort uf den tep-
pecß an der tavefn ort <312, 6f). Die Befehlsgebärde
Heimerichs bedeutet sein „Bitten". Die Gestikulation der
übrigen Tischgenossen — schwach betonte Redegebärden —
dient nur zu Belebung der Figuren. Rennewart trägt gegen
höfische Sitte noch seine Rüstung, und seine rechte Hand
führt einen Bissen zum Mund: er muzte gewapent ezzen
<312, 10). Da <312, 21) „Wirt und Wirtin gaben" und in

Nr. 2. Nr. 1 die „Wirtin" am Tisch vorsaß, so tut es in Nr. 2
der „Wirt", der Mann im blauen Rock an der Tafel links,
wo noch zwei „Fürsten" und zwei Damen sitzen. Es
wart nie ßezzer spise erßant und afso wiffeefieße ge-
geßen. Die Darstellung des Gastmahls in Nr. 1, 2 folgt
dem in der mittelalterlichen Kunst üblichen Schema. Vgl.
Hortus deliciarum cit. pl. XVIII, XXIX quater, XXXII bis,
San Marte, Zur Waffenkunde Taf. VI, XII, A. Schultz,
Höfisches Leben21 Fig. 129, 137, 135, 136, Deutsches
Leben im XIV. und XV. Jahrhundert I Taf. IX, II Fig. 446,

Nr. 3. 448, auch 447. — Nach dem Essen in Nr. 3 die Pürsten
urfoup... namen. Unter Vorantritt des alten Heimerich,
der hier wieder den Truchsessenstab führt, ziehen die „Für*
sten" und Edlen im Gespräch miteinander ab. Sie befinden
sich, wie der nur noch schwer zu erkennende Rasen unter
ihren Füßen lehrt, wieder außerhalb des Palas.
Übergang. Verloren sind nun fast 75 Abschnitte. Sie enthielten den
Aufbruch des Heeres gegen Alischanz, wo man die Streit«
macht der Heiden erblickte, die feige Umkehr eines Teils

der fränkischen Ritter, die von Rennewart aufgehalten und
unter blutigen Verlusten zurückgezwungen werden, die
Verteilung und Anordnung der heidnischen Heerhaufen,
die breite Aufzählung ihrer Führer mit abenteuerlichen
Namen, die keines Lesers Gedächtnis behalten mag, die
ersten Schlachtszenen. Wiederum ragt unter den fränkischen
Helden Rennewart hervor: swer im da zorse <=zu Roß)
vor gesaz, zeinem ßufen er den sfuß, fährt

M 6a fort, do ßfeip der ßeidenscafi genuß tot von Taf. XV.
Rennewartes ßant. .. Rennewarten men anders gießt
<= von Rennewart berichtet man anders, sc. als daß er um
Geiseln kämpft) vor sinen scargenozen mit starßen
s fegen grozen. Von Nr. 1 ist gerade noch so viel be« Nr. 1.
wahrt, daß man außer den rechts heranstürmenden Sara«
zenen links Rennewart erkennt, wie er mit seiner „Stange"
auf jene erfolgreich einhaut. Die unverhältnismäßige Größe
der Figur drückt seine überlegene Stärke aus. — Mit Nr. 2 Nr. 2.
fängt nach Ausweis der Initiale Steine Bilderreihe an, die
zu einem hier entgegen der Vulgata beginnenden neuen
Abschnitt gehört: Tranzoysen wurden nießtgespart; se
ßegunden rufen rennewart <das Feldgeschrei seines Heer«
haufens), — eine der vorigen ganz ähnliche Komposition,
nur daß diesmal hinter Rennewart die „Franzosen" sichtbar
werden, deren Vorkämpfer er ist. Nr. 3 wiederholt im Nr. 3.
wesentlichen Nr. 2. Da aber beträchtliche Stücke des Bildes
fehlen, so läßt sich nicht ausmachen, ob es noch besondere
Beziehungen hatte zu den Versen: da wart Ecßmereyz
<siehe oben M 4b Sp. 20) ßeret unde der ßuninc Tyßaft
von Kfer. Das Schlachtgetümmel wechselt in

M 6b Nr. 1 mit einem ruhigeren Vorgang ab: nu ßom^aS. XVI.
von Raaßs Poyduwis, der manfieß unde ßoßgemut, Nrl'
der vurte manegen ritter gut. An der Spitze eines Zugs
von Rittern hält hoch zu Roß der Heidenkönig. Hinter ihm
trägt ein Ritter in rotem Waffenrock seine Fahne, die in
350, 14, 19 erwähnt war. Aber in Nr. 2, wo die Initiale M Nr. 2.
einen neuen Abschnitt <390> anzeigt, erblicken wir rechts
den Helden unter seinem Banner in heftigem Kampf: men
tut von sin er tßioste ßunt, der Swarce waft unde Vir-
qunt <ein Wald bei Ansbach) musen da von ode figen.. .
der ßuninc Poyduwiz von Raaßs weder stapfes noeß
draaßs (= weder im Schritt noch im Trab) ßom gevaren
in den strit usw. Von links dringen die Franzosen auf ihn
ein, an ihrer Spitze wieder Rennewart, da der Erfinder der
Komposition sich auf Grund von 389, 20 den Poyduwiz
als dem Tybalt und Ehmereiz zu Hilfe kommend vor«
stellt, auch später <398, 4 f.) der grozen sfege Rennewarts
in dieser ganzen Kampfhandlung gedacht wird. — Von
Nr. 3 sind nur kümmerliche Überbleibsel eines Bildes er« Nr. 3.
halten, das den Fuß der Kolumne eingenommen hatte.
Man erkennt französische Helme, die wieder von links her
anrücken. Es handelte sich jedenfalls um den Fortgang des
Kampfes gegen Poyduwiz, vielleicht mit besonderem Bezug
auf 391,1: sin vane mit grozem ßundewiers (== Geleit)
ßom gevarn ze triviers (= travers), mit ungevüger ßers
ßrafi ßeneßen an die ritterseßafi, — wiewohl diese Verse
erst auf dem verlorenen folgenden Blatt gestanden haben
können. — Vor
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