Wolfram <von Eschenbach>  ; Amira, Karl von [Hrsg.]
Die Bruchstücke der großen Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm: farbiges Faksimile in zwanzig Tafeln nebst Einleitung — München, 1921

Seite: 27
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gehören könnten, und außerstande insbesondere, einen Text
nachzuweisen, der ein Gespräch Heimerichs und Alizens in
Anwesenheit eines Knaben oder über einen Knaben erzählt.
So scheint mir nichts übrig zu bleiben als die Annahme, daß
die große Bilderhandschrift außer dem uns bekannten Ge-
dicht des Wolfram noch einen weiteren Text enthielt, der
ebenso wie dieses illustriert war und zu dem das vorliegende
Bruchstück gehört." Damit stehen wir freilich vor der Frage
nach dem Abschluß von Wolframs Gedicht. Daß es in der
uns vorliegenden Fassung nicht abgeschlossen, halte ich mit
der herrschenden Meinung für sicher. Das Schicksal seines
zweiten Haupthelden, des Rennewart, konnte der Dichter
nicht mit dessen spurlosem Verschwinden aus der Schlacht
für erledigt halten. Rennewarts Liebesbund mit Alize und
die auftauchende Ahnung seinerVerwandtschaft mit Kybürg
forderten weitere Entwicklung. Der Prolog des Rpos hatte
keinen Sinn, solange rricht die Geschichte seines weiteren
Lebens seine Heiligkeit bewährte. Daß Wolfram selbst oder
ein anderer den ursprünglichen Plan der Dichtung weiter
verfolgte, machen die sogen. Übergangsverse 467,9—23
wahrscheinlich, und unser Fragment macht wahrscheinlich,
daß eine solche Fortsetzung in der großen Bilderhandschrift
enthalten war. Sie brauchte sich ja nicht in so breiter Aus*
führlichkeit zu ergehen, mit der sich nachmals Ulrich von
Türheim über den Stoff hermachte. Bei der Sparsamkeit,
womit der Schreiber den Raum ausnützte, beanspruchte der
erhaltene Text nicht die vollen 230 Blätter, von denen oben
Sp. 5,11 die Rede war. Es blieben immer noch einige übrig,
so daß unter Hinzufügung von etwa einer Bogenlage die
Fortsetzung untergebracht werden konnte. Gleichviel nun,
von wem diese herrührte, jedenfalls glaubte der Illustrator,
sie dem Wolfram zuschreiben zu müssen, als er M 8a Nr. 2
mit der Wolfram-Gestalt erfand. Freilich um welche Be-
gebenheiten es sich bei den Bildern von M 8 handelt, darüber
kann man nur mit vorsichtigsten Mutmaßungen sprechen.
Vor Augen liegt, daß Alize die erwartete Rolle spielte und
im Zusammenhang damit das Kaiserpaar und ihre übrigen
Verwandten. Sie sich auszumalen, mag der Einbildungs*
kraft und Einbildungslust des Lesers überlassen bleiben.
Wer aber auch darauf verzichtet, wird doch vielleicht die
literargeschichtliche Bedeutung des unscheinbaren Blättchens
einräumen.

Kunst- Im Verhältnis zu dem, was wir als verloren beklagen
ßeSliA*t" mussen' s'nc^ ^ese Bruchstücke gering an Zahl. Dennoch
Stellung, reichen sie aus, um wenigstens in den Grundzügen ein Ge*
samturteil über die kunstgeschichtliche Stellung der großen
Bilderhandschrift von Wolframs Willehalm zu ermöglichen.
Ihre Stellung in der Geschichte der Buchmalerei ist durch
die in Sp. 7 f. gegebene Charakteristik bestimmt. Sie war
zeitlich die Führerin einer geschlossenen Gruppe von Illu-
strationswerken, welche fast genau das Jahrhundert von
1250—1350 hindurch blühte und ihre Heimat im thürin*
gisch*sächsischen Kunstkreis hatte. Diese Gruppe hat in
der gesamten Buchmalerei nicht ihresgleichen, insofern als
sie in größtem Maßstab und unter Beiseitesetzung aller
Nebenrücksichten den Sinn aller entscheidenden Worte um*
fangreicher Texte zu veranschaulichen strebte. Während aber

die Nachfolgerinnen des Willehalm-Buches ihren Stoff aus*
schließlich der Rechtsliteratur entnehmen, war dieses einem
Hauptwerk der höfischen Epik gewidmet. Damit vielleicht
ebenso enge wie mit seiner zeitlichen Stellung mag es zu*
sammenhängen, daß es sich bei aller Unerbittlichkeit seiner
Wortinterpretation noch streng innerhalb der Grenzen hält,
jenseits deren die Natur phantastisch vergewaltigt werden
würde, — sehr im Gegensatz zur Sachsenspiegel-Illustra*
tion, die nicht davor zurückscheut, einen Menschen mit drei,
ja mit vier oder fünf Armen auszustatten, wenn er bei seinen
Gestikulationen nicht mit zweien auskommt, oder mit zwei
Köpfen, wenn er sich als vollbürtiger Bruder vom Halb*
bruder unterscheiden soll, oder einem gesunden Menschen
ein Schwert durch den Hals zu stecken, wenn er in der Acht
eine Rechtshandlung vornimmt. Im übrigen aber lehnt, seiner
Aufgabe getreu, schon der Erfinder der Willehalm-Illu*
strationen ebenso entschieden wie jener der Sachsenspiegel*
Illustrationen sowohl das Streben nach „Naturwahrheit"
wie jeden dekorativen Zweck ab. Einem allezeit dienst*
fertigen Formengedächtnis zwar verdankt er es, wenn er
die Glieder des menschlichen Körpers richtig ansetzt, den
Händen richtig die beabsichtigte Haltung gibt und unter
den paar flotten Strichen, welche die Gewandfalten um*
schreiben, den Bau des Körpers erkennen läßt. Ebenso mag
es sich wohl auch erklären, wenn er bei der Zeichnung des
Gefältes sich von dem Manierismus der älteren thüringisch*
sächsischen Schule abkehrt, die geraden Linien und Ecken
der Faltenausgänge vermeidet. Aber gleichgültig ist er gegen
alle Mimik, wie er denn überhaupt die Gesichtsbildung ver*
nachlässigt, bei der technischen Behandlung von Köpfen und
Gesichtern, insbesondere bei der Zeichnung der Haare in
parallelen Strichlagen und bei der Modellierung der Fleisch*
teile mit roten Tupfen und Strichen einer gang und gäben
Tradition folgt. Die Ausdrucksbewegungen beschränkt er
auf die Hände,- höchstens, daß er noch auf die Körper*
haltung Gewicht legt. Gleichgültig ist er auch gegen die
Größenverhältnisse. Die Reiter, die am Fuß einer Burghöhe
ankommen, reichen mit ihren Helmen bis zum Dach der
Feste, und puppenhaft nimmt sich der Lenker der Zugtiere
vor dem Götterwagen neben den Kämpfern in der Schlacht
aus. Fehlt es für Rosse in der gewöhnlichen Größe an
Raum, so werden ihre Beine summarisch verkürzt. Wille*
halm und seine Mutter stoßen mit ihren Köpfen beinahe
an das Dach der Halle, worin sie sich unterreden, und um
durch die Tür in ihre Kemenate zu gelangen, müßte sich
die Kaiserin und müßten sich ihre Besucher tief bücken.
Daß der Zeichner nicht das Bedürfnis empfand, den Stand*
ort seiner Figuren und bei Sitzfiguren deren Subsellien an*
zugeben, wurde schon oben Sp. 7 hervorgehoben. Bei der
grundsätzlich zeichenhaften Anlage seines Unternehmens
versteht es sich auch, daß er rückhaltslos den überlieferten
Motivenvorrat ausbeutet, wo er brauchbare Zeichen nur
aufzufinden vermag. Der Schollenboden wie auf Taf. XIII,
XIV, die grünen Pflanzengebilde, die auf Taf. VI Bäume
vorstellen, der Bogen mit dem Ziegeldach, der auf Taf. I
an eine Palasthalle erinnern, der Turm, der eine Festung
vertreten, die Figurenreihe hinter einem gedeckten Tisch, die
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