Eike <von Repgow>  ; Amira, Karl von [Hrsg.]
Die Dresdener Bilderhandschrift des Sachsenspiegels (Band 2) — Leipzig, 1925

Seite: 4
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1 cm
facsimile
Art, wie sich die Zeichner und Maler der verglichenen Hss. grund-
sätzlich zu ihren Vorlagen gestellt haben.

Von der künstlerischen Technik, die der in Meißen arbeitende
Erfinder des Bilderwerks X beobachtet hatte, können wir uns frei-
lich nur eine sehr ungefähre Vorstellung bilden, da von X nichts
erhalten ist. Wir wissen aber, daß ihm im großen und ganzen als
Muster eine viel reichhaltigere Bilderhs. des Willehalm von Wolfram
v. Eschenbach gedient hat, die im dritten Viertel des 13. Jahrhun-
derts in Mitteldeutschland entstanden war und in Bruchstücken
auf uns gekommen ist. Da die Bruchstücke vollständig in farbigem
Faksimile vorliegen (Willeh.), mag der Leser sie mit den Bildern
Qten in D, H und 0 vergleichen. Er wird finden, daß ihnen in der Manier
am nächsten O kommt. Das Format der Kompositionen ist hier
durchschnittlich nur um weniges kleiner als dort, während es in
der verlorenen Hs. Y, der Mutterhs. von H und D, erheblich kleiner
war. Die Zeichnung in O bringt die Umrisse der Gestalten von
Menschen und Tieren in denselben groben Zügen wie die Wille-
halm-Hs. Noch steifer sogar als hier ist dort die Haltung der spreiz-
beinig dastehenden Männer mit stets in Profil oder in Aufsicht
gezeichneten Füßen, noch schematischer wiederholt sich an ihnen
das Motiv der auseinanderfliegenden Rockschöße. Dort wie hier
auch die gleiche schematische Behandlung der Kopfhaare in vor-
wärts nach der Stirn und seitlich abwärts fließenden Parallel-
linien, die sich an den Enden aufrollen. Oft, und zwar insbesondere
in der so wichtigen Gestikulation, erscheint in O die Zeichnung
noch derber und unbehilflicher. Das mag seine Ursache in dem
Bausverfahren haben, mittels dessen sie ausgeführt ist, und auf
dieselbe Ursache mögen manche sachliche Mißverständnisse zu-
rückgehen, die in O ohne weiteres zutage liegen. Insbesondere
haben durch das Bausen die feineren Unterschiede der Hand-
bewegungen und der Gesichter gelitten. Bei alldem aber gibt die
Illustration in 0 einer gewissen spielerischen Neigung zur Aus-
führlichkeit und zur Dekoration beim Darstellen von Gebäuden
und Gebrauchsgegenständen nach, die vielleicht schon auf die

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