Eike <von Repgow>  ; Amira, Karl von [Hrsg.]
Die Dresdener Bilderhandschrift des Sachsenspiegels (Band 2) — Leipzig, 1925

Seite: 40
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Schnittes und von grauer Farbe steht ein Jude neben dem Kaiser
in D 46b 6. An der Parallelstelle in W50b (farbig bei Kopp a.a.O.
II 16) ist derselbe Mantel blau wie der Hut.
Narrentracht 5. H 13a 1 {TD. XIV 6) und D 37 a 1 geben Anlaß, von der Tracht
des „Toren" (sinnelosen) zu sprechen. Durchaus lag es im Geist
des deutschen Rechts, einen Menschen als psychisch krank oder als
blödsinnig nur dann gelten zu lassen, wenn sein Zustand an
äußeren Merkmalen erkennbar war, ganz so wie physische Krank-
heit nur bei äußeren Kennzeichen für's Recht erheblich war. Des
tören kleit, die tören wät sollte vor Verantwortlichkeit schützen,
aber auch vom Geschäftsverkehr ausschließen. Schon die Benen-
nungen beweisen, daß sich die Kleidung des Geisteskranken von
der gemeinen bürgerlichen Tracht unterschieden haben muß. Vgl.
M. Heyne, Hausaltert. III 170 nebst Parziv. 127 und A. Schultz,
Höf. Leben I 323 N. 3. Von den älteren Schilderungen1) weicht
allerdings der Aufzug des „Toren" in der Ssp.-Illustration sehr
wesentlich ab. Der Tor geht barfuß in einem langen ungegürteten
weißen Rock mit roten Längsstreifen, der von oben bis unten mit
Schellen (klemperltn) behängt ist. Diese sind in H glocken-, erst
in D kugelförmig wie an den wenig später aufgekommenen Klei-
dern des Schalksnarren, die denn auch zweifellos auf jene ältere
Schellentracht des Geisteskranken zurückweisen wollen. Kugel-
förmige Schellen am Torenkleid des Parzival in Cod. AA91 der
Berner Stadtbibl. fol. 23 a, 28 b (abgeb. bei K.J. Benz ig er, Par-
cival Taf. 4,5). Daß die kugelförmigen Schellen als Bestandteile
des Torenkleides nur in jener kurzen Zwischenzeit aufgekommen
sein können, in der sie bei der Herren- und Stutzerkleidung außer
Mode waren, ist schon von andern hervorgehoben worden. Aber
in H hängen neben den blau bemalten Glocken noch kreisrunde
gelbe Scheiben und gelbe Hämmerchen (klepfeltn). Die Lärm-
instrumente machen den Begegnenden darauf aufmerksam, mit

1) Zu der Beschreibung im Parzival ist übrigens zu bemerken, daß sie erst durch
Umdeutung der kymrischsn Volkstracht von Wolfram zum „Torenkleid" gemacht wor-
den ist, W. Hertz in Note 50 seiner Übersetzung.

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