Eike <von Repgow>  ; Amira, Karl von [Hrsg.]
Die Dresdener Bilderhandschrift des Sachsenspiegels (Band 2) — Leipzig, 1925

Seite: 123
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Weichb. 53. — Das Aufstecken des Kreuzes kommt nicht bloß als
Form der missio in bannum, sondern auch als Form privater Be-
schlagnahme vor, in dieser zweiten Bedeutung in Biga und im
südwestlichen Norwegen, aber auch im spätlombardischen Becht.
In Biga wird uns das Bekreuzigen von Liegenschaften am genaue-
sten beschrieben, insbesondere die Größe des Kreuzes angegeben,
ungefähr drei Ellen lang soll das Holz sein, woraus die Kreuzarme
gespalten werden, und je nach Größe des Gutes sollen mehrere
Kreuze aufgesteckt werden (J.Grimm, RAM238i.). In Trient
wurde, wie nach dem Ssp., ein Kreuz über die Haustür gesetzt
(v. V o 1 te 1 i n i, Südtirol. Notarialsimbreviaturen Nr. 284b, a. 1236).
In Norwegen geschah die Beschlagnahme (logfesta, Iggfesting)
eines Grundstückes mit einer gesetzlichen Wortformel und unter
Aufstecken eines Kreuzes (setja kross ä, krossa Nordgerm. OblR.
II 267f.). Nahe genug liegt nun die Vermutung, daß zwischen der
sächsisch-friesischen Bekreuzigung und der Bekreuzigung der an-
dern Rechte Verbindungsfäden hin und wieder laufen. In Stab 142
hat sich die Wahrscheinlichkeit ergeben, daß das norwegische
Kreuzaufstecken an die Stelle einer heidnischen Form, nämlich
des Aufsteckens eines Hegewisch getreten ist. Diesem Hegewisch,
der als Befriedungszeichen sich bis in unsere Tage in Deutsch-
land erhalten hat, entspricht in der älteren deutschen Bechts-
sprache die wifa, im spätlombardischen Recht das bizaichen, das
dort demBekreuzen parallel geht(v.Voltelinia.a.O. S.CCXXXI).
Dem altlangobardischen und dem baierischen Becht ist das Befrie-
den mit der wifa im 8.Jahrh. geläufig, in der lex Baiwariorum als
mos antiquus bezeichnet. Demnach hätte man sich die Entwick-
lung des Befriedungszeichen folgendermaßen vorzustellen. In der
altgermanischen Zeit befriedete man Grund und Boden durch Er-
richtung der wifa, d.h. eines Fetisches (Stab a. a. O.). Nach dem
Übergang zum Christentum mußte, wo man sich der ursprüng-
lichen Bedeutung des Hegewisch noch erinnerte, dieser christiani-
siert werden. Er wurde durch ein Kreuz ersetzt, das zunächst der
privaten Befriedung diente. Das fränkische Becht ersetzte die

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