Eike <von Repgow>  ; Amira, Karl von [Hrsg.]
Die Dresdener Bilderhandschrift des Sachsenspiegels (Band 2) — Leipzig, 1925

Seite: 145
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entsprechende Figur in die gewöhnliche Grafentracht. In 0 nun
erhebt sie die Hand mit der Gebärde des Befehls, was durchaus
angemessen, da die Schöffen verpflichtet sind, auf seine Frage
Urteil zu finden. Weniger eignet sich die gleiche Handbewegung
für den Schultheißen, da dieser, wenn er neben dem Grafen sitzt,
den Schöffen nicht zu befehlen hat. In dieser Beziehung mag D
wieder das Richtigere haben.

Dem Schöffen, der dem Grafen zunächst sitzt (Fig. 5), gibt der
Künstler ein Reliquiar auf den Schoß, das jener mit den Schwur-
fingern seiner r. Hand berührt, zum Zeichen, daß er auf sein Amt
vereidigt ist, wovon jedoch der Text nicht hier, sondern erst in
III 88 §1 spricht. Vgl. Homeyer, Richtet. 418, Planck 1103.

Eine vollständige Schilderung einer Gerichtsversammlung ist
hier so wenig beabsichtigt wie irgendwo sonst in der Ssp.-Illustra-
tion. Es fehlt nicht nur jede Andeutung der Örtlichkeit, sondern
auch der Fronbote, der doch nach Ldr. III 61 § 1 zum echten Gra-
fending gehört und dort auch dargestellt ist. Es fehlen auch die
übrigen Dingpflichtigen, der „Umstand". Anderseits beachte man,
daß der T e x t an der vorliegenden Stelle nicht des Schult heißen', Der

° Schultheiß

gedenkt. Der Künstler von X hat diese Figur aus eigenem Gut-
befinden eingefügt, entweder weil er ihre Notwendigkeit aus seiner
Vorauslektüre späterer Textstellen kannte, oder weil er selbst den
Schultheißen im Grafengericht zu sehen gewohnt war. — Man
braucht dabei nicht an Grafengerichte außerhalb der Mark Meis-
sen zu denken. In dieser entsprach dem Grafengericht des Ssp. das
Landding, welches des Schultheißen neben dem Markgrafen nicht
entbehrte. Vgl. v. Posern-Klett, Verfassg. 48, Tittmann 128,
127f., S. Rietschel, Das Burggrafenamt 32111). Ob es Schöf-
fen auf dem Landding gab, mag dahinstehen. Die Burgward- so-
wohl als die Stadtgerichtsverfassung der Mark Meissen kannte sie;
vgl. E. O. Schulze, Colonisation 99f., 102, 104f., dann Cod. dipl.

J) Ohne die Urkunden zu berücksichtigen, leugnen den Schultheißen des Markgrafen
Stobbe in Zschr. f. dcut. R. XV 97 Note 32 und Fehr, Fürst und Graf 64, ersterer unter
Berufung auf die Gl. zu Ldr. II 12 § 6, deren Angaben doch nicht verallgemeinert werden
dürfen.

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