Eike <von Repgow>  ; Amira, Karl von [Hrsg.]
Die Dresdener Bilderhandschrift des Sachsenspiegels (Band 2) — Leipzig, 1925

Seite: 169
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1235 §§43, 44 zählt omnes sues mit Ausnahme der Mastschweine
(porci non euntes ad pascua) zur Gerade, und das Meissener Rb. I
9 dist. 1 mit 10 dist. 1, sowie die Glosse zu Lnr. 56 folgt dem näm-
lichen Grundsatz. Der Zeichner von D hat also, auch wenn er
seine Vorlage vielleicht mißverstand, sie doch im Sinne seines
heimatlichen Rechts gedeutet, und zwar im Sinne des Landrechts,
da es unter dem Dritteiisrecht der meissenschen Städte keine Ge-
rade gab (Meissener Rb.Ill dist. 1).

Der Becher repräsentiert wie im vorigen Bild und wie fol. 5b 6
das Erbe. D fügt noch eine goldene Schüssel hinzu, weil alles ver-
arbeitete und unverarbeitete Gold und Silber im allgemeinen zum
Erbe gehört (Meissener Rb.I7 dist.l, Weichb. XXVI1).

Die weibliche Figur trägt loses Haar, weil sie ein unausgesteuer-
tes Mädchen vorstellt. Den „Pfaffen" kennzeichnet wieder seine
Kleidung als Weltgeistlichen, vgl. das vorige Bild. Er sitzt in D
unter einem zweltürmigen, in O unter einem mit Apsiden ver-
sehenen Gebäude, einer Kirche1). Es ist also derjenige Pfaffe dar-
gestellt, von dem der Schlußsatz des Textes spricht.

Hiernach wird im wesentlichen O verständlich. Die „unausge-
radete Schwester" teilt zwar mit dem Bruder, der eine geistliche
Pfründe hat, das Erbe (vgl. die Bemerkungen über O bei fol. 5 b 6,
6 a 2), nicht aber die Gerade, vor die sie deswegen ebenso hinge-
treten ist, wie gegenüber der ausgesteuerten Schwester fol. 5b 6.
O illustriert folglich nur einen Teil vom ersten und den letzten Satz
von Ldr. I 5 § 3.

D hingegen erzählt überhaupt von keiner Teilung, führt in reiner
Wortillustration bloß die Personen und die Sachen vor Augen, den
Pfaffen in seiner Pfründe und mit seinem Nachlaß, der ganz und
gar „Erbe" ist, die unausgesteuerte Schwester, die ganz allein in
der Gerade sitzt. Der Pfaffe weist mit der linken Hand auf die
Becher als auf sein „Erbe", das Mädchen erhebt abwehrend seine

l) Die monumentalen, insbesondere mehrtürmigen Kirchen in der Ssp.-Illustration
sind schon F. J. Mone TD. Sp. 74 aufgefallen. Sollte den Zeichnern etwa der Dombau
von Meissen vorgeschwebt haben? Vgl. auch die Kirche mit Querhaus in 25 a 5.

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