Eike <von Repgow>  ; Amira, Karl von [Hrsg.]
Die Dresdener Bilderhandschrift des Sachsenspiegels (Band 2) — Leipzig, 1925

Seite: 171
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wegung dieser Hand in D erklären, und auch in O kann der ver-
meintliche und wenig passende Ehrfurchtsgestus auf eine bloße
Überschneidung der Hände zurückgehen. Dem Erben gegenüber
steht nun die Gegenpartei, und zwar ihm zunächst, am Reliquien-
kästchen, der Gläubiger, der die sog. innerunge erbringt, d. h. mit
72 Mannen den Erben an eine Schuld des Erblassers „erinnert".
Der abkürzende Stil der Illustration bringt es mit sich, daß nur
drei Männer die Zweiundsiebzig repräsentieren1). Sie stehen hin-
ter dem Gläubiger, in 0 sämtlich mit der Schwurgebärde, die
zweifellos besser paßt als die Gestikulationen in D, während um-
gekehrt D das Richtigere gibt, indem diese Hs. vor allem dem
Erben selbst die Schwurgebärde zuteilt. Mit der 1. Hand weist
dieser sowohl in D als in O rückwärts auf seine Gehilfen. Keiner
von ihn trägt ein bestimmtes Standesabzeichen; keiner insbeson-
dere gibt sich als Bauer (Laten) zu erkennen, wie denn auch der
Text der X-Gruppe hier von Laten nichts weiß2). Fig. 1 in D, der
keine in O entspricht, bleibt übrig als Repräsentant derjenigen
Gläubiger, die vom Erben keine Befriedigung zu erwarten haben.
Mit der r. Hand weist er auf die Würfel3) und gibt sich damit als
Spielschuldgläubiger zu erkennen. Durch den Aneignungsgestus
seiner 1. Hand (vgl. Handgeb. 223) zeigt er, daß er etwas fordert.

Daß die Komposition im ganzen einen Hergang des wirklichen
Rechtslebens wiedergebe, muß hier ebenso wie bei 5 b 4, 5 schlech-
terdings für ausgeschlossen erachtet werden. Praesente cadavere
fand weder eine Klage von Nachlaßgläubigern noch eine Teilung
des Nachlasses statt, da bis zum Dreißigsten die Nachlaßruhe
dauerte, Homeyer, D. Dreißigste 214f., 217.

1) Schwerlich kann man unterstellen, der Illustrator von X habe den Text vom Stand-
punkt eines jüngern Rechts aus berichtigen wollen, so wie etwa die Glosse zum gegen-
wärtigen Art. oder die Glosse zu Weichb. 57. Dazu würden 3 Figuren auch nicht aus-
gereicht haben. Vgl. Planck II 136, Lappenberg, Hamb. Rechtsalterth. I S. LXI.

2) Der Urtext schließt in § 2 mit den Worten oder echt borene late. 0 dagegen liest
oder echt borene lüde. Ober den Sinn des Urtextes s. Planck, Gerichtsverf. II 49 Note 8.
Vgl. übrigens Heck, Beitr. II 106, 115.

) Daß unter dobelspei des Urtextes (hier topilspil) das Würfelspiel zu verstehen,
H. M. Schuster, Das Spiel 6ff. S. auch Homeyer zu Ldr. I 6 § 2.

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