Eike <von Repgow>  ; Amira, Karl von [Hrsg.]
Die Dresdener Bilderhandschrift des Sachsenspiegels (Band 2) — Leipzig, 1925

Seite: 436
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/amira1925bd2/0452
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
sog. Calpurnia (C. Afrania) den kimig beschalt und den kunig die
hinder schamme lie sehen. (Swsp. Ldr. L. 245). Den schweif- oder
distelartigen Gegenstand über dem Gesäß der „Calpurnia" vermag
ich so wenig zu benennen wie Kopp a. a. 0. 86 und Weber
Sp. 21. Ersterer betont gut die, namentlich in H auffallende, Hal-
tung und invektive Gebärdensprache des Weibes.
Der Gebannte Die Schwierigkeiten vermehren sich bei der Gruppe r. Sie gehört
zum letzten Satz des Art., wo die Rede ist von einem, „der im
Banne ist" und vor geistlichem Gericht nicht als Vorsprecher,
Zeuge, Kläger, Antworter auftreten kann. Man erwartet den Mann
zu sehen, über den der Kirchenbann verhängt oder dem der Zu-
tritt zum geistlichen Gericht verwehrt ist. Aber man sieht einen
in der Haltung eines Beters Knienden in H vor einem Geistlichen
in Alba und Stola, in D vor einem Franziskaner, der über ihn den
einen Flügel der Stola wirft. Genau so wirft in D 46 a 3 (0 79 b 3)
der Papst über einen vor ihm Knienden seine Stola, zum Zeichen,
daß dieser in seinem Bann ist. Das kann nicht den Vorgang der
Exkommunikation vorstellen, der in 46 b 6 und H 22 b 1 (TB. XXIV 7)
auch ganz anders geschildert wird. Niemand läßt sie kniefällig
über sich ergehen. Kopp a. a. O. 85 erinnerte an den Ausdruck sub
stola excommunicare, und nach ihm bemerkt Weber a.a.O. „der
Bann wird mit der Stola ausgesprochen". Allein sub stola oder
cum stola excommunicare sagte man vom exkommunizierenden
judex, der selbst die Stola angelegt hat, nicht einem andern anlegt
oder überwirft. Freilich könnte man nun denken, der Künstler
habe das sub stola räumlich ausdrücken wollen, so daß der Sträf-
ling „unter" die Stola zu knien kam. Aber dann bleibt immer
noch unverständlich dessen kniende Stellung und betende Gebärde,
psnitenz Schon Kopp scheint mir nun a. a. 0. den richtigen Weg zur Inter-
pretation des Bildes gezeigt zu haben, wenn er sagte, der Kniende
„tue Pönitenz". Es käme nur darauf an, was für eine Pönitenz?
Ich nehme an, eine Pönitenz, welche die Lösung vom Kirchen-
bann bezweckt, Hinschius, Kirchenr. IV 817, 822f., 829, V88,
633f. Zu dieser Pönitenz wird der Kniende zugelassen. Er nimmt

436
loading ...