Amsler und Ruthardt <Berlin>   [Hrsg.]
Kupferstiche, Radierungen, Holzschnitte, Lithographien, Werke älterer und neuer Künstler mit geringen Ausnahmen: Dubletten des Kupferstich-Kabinetts der Staatlichen Museen in Berlin ; schöne Städteansichten, Bildnisse bekannter Persönlichkeiten ... ; Versteigerung zu Berlin: 23. März 1920 und folgende Tage — Berlin, 1920

Seite: 5
DOI Seite: 10.11588/diglit.23046#0007
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ZUR EINFÜHRUNG

Diese erste nach der Unterbrechung durch den Krieg veranstaltete Ver-
steigerung knüpft an die Tradition des Hauses an, das der Kunst Alt-Berlins
von je mit besonderer Liebe und feinem Verständnis zugetan war. Dem Aus-
gebot der beiden Sammlungen Aufseesser 1902 und 1912, den Nachlässen
Dorgerloh’s 1909 und Franz Kugler’s 1910 folgt hier eine ähnlich geartete,
besonders reichhaltige Auswahl, deren Herkunft noch weiter zurückgeht und
bodenständiger ist als die jener Privatsammlungen. Sie umfaßt mit wenigen
Ausnahmen Dubletten des Berliner Kupferstichkabinetts, und wie sich durch diese
Provenienz ein Teil der großen Seltenheiten der Sammlung erklärt, so wird
damit auch die durchschnittlich hohe Qualität der einzelnen Blätter gewähr-
leistet. Bei der stark verbrauchten und für den Eingeweihten nachgerade be-
deutungslos gewordenen Skala rühmender Eigenschaftswörter soll hier von
derartigen Anpreisungen abgesehen werden. Die Tatsache, daß die Blätter,
wie z. B. die Drucke des alten kgl. Lithographischen Instituts, frisch aus
der Offizin in die staatliche Sammlung wanderten und dort Jahrzehnte hin-
durch in sorgfältiger Pflege verwahrt worden sind, empfiehlt sie zur Genüge.
Dem Liebhaber unserer alten städtischen Kunst und Kultur wird noch einmal
und wahrscheinlich eine der letzten Gelegenheiten geboten, die Lücken einer
schon bestehenden Sammlung auszufüllen oder den Grund zu einer neuen zu
legen, die nach der Sturmflut der jüngsten Ereignisse noch viel ehrwürdigere
geschichtliche Züge tragen wird als früher. Aber auch der Kunstfreund, der
ohne lokalgeschichtliche Vorliebe diese Sammlung durchmustert, wird von
der hohen Geschmackskultur dieser alten Berliner Künstler betroffen werden,
von der Feinheit und Sicherheit ihres Auges und ihrer Hand, von der
charaktervollen Eigenart, die neben den anerkannten Meistern auch die
kleineren Talente auszeichnet und die schließlich nichts anderes ist, als der
Geist dieser Stadt selbst.

Daß Berlin im 18. Jahrhundert eigentlich nur die Bühne für die alles
überragende Persönlichkeit Friedrich des Großen gewesen ist, läßt
auch der Zufall, wie er sichtend und sondernd diese Sammlung zusammen-
gestellt hat, aufs neue erkennen. So erscheint denn im Rahmen der Kulissen,
die er selbst aufbauen ließ, der Heldenspieler in den wechselnden Typen seines
Aussehens. Der wachsenden Volkstümlichkeit des großen Königs entspricht
die mit den Jahren sich mehrende Zahl seiner Darstellungen. Am dichtesten
drängt sie sich um Chodowiecki’s „Wachtparade“, von deren Beliebtheit
mannigfache Kopien Zeugnis ablegen. Ergänzend zu dem physischen Abbild
tritt das graphologische Porträt in einer Reihe getreu faksimilierter Auto-
graphen, jene Handschrift, die in ihrer zierlichen Flüchtigkeit so wenig von
dem repräsentativen Ehrgeiz des Jahrhunderts besitzt. Nach dem Tode des
Gewaltigen bemächtigt sich die Anekdote dieses Lebens, und in zahlreichen
Darstellungen wird die Legende vom alten Fritz lebendig. Seine architek-
tonische Umwelt taucht auf, beginnend mit der großen, baulich noch etwas
kahlen, aber von amüsanter Staffage belebten F ü n c k’schen Ansicht des
Opernhauses, dessen Erbauer Knobelsdorf sich noch mit einer eigenen

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