Amsler und Ruthardt <Berlin>   [Hrsg.]
Kupferstiche, Radierungen, Holzschnitte, Lithographien, Werke älterer und neuer Künstler mit geringen Ausnahmen: Dubletten des Kupferstich-Kabinetts der Staatlichen Museen in Berlin ; schöne Städteansichten, Bildnisse bekannter Persönlichkeiten ... ; Versteigerung zu Berlin: 23. März 1920 und folgende Tage — Berlin, 1920

Seite: 6
DOI Seite: 10.11588/diglit.23046#0008
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Landschaftsradierung vorstellt. Doppelt wertvoll wird die Ansicht des alten
Exerzierhauses in der Keibelstraße, das kürzlich einem Brande zum Opfer
fiel. Chodowiecki, der die Stimmung dieses ausgehenden 18. Jahr-
hunderts am treuesten nachfühlen läßt, tritt vorwiegend als Illustrator auf,
umgeben von der Schar seiner Nachahmer und Kopisten Berger,
Qeyser,Bolt, Henne u. a. Ihm schließt sich in freier Selbständigkeit
mit einigen besonders feinen und intimen Radierungen der junge Gott-
fried Schadow an.

Das alles aber ist nur Vorbereitung und Auftakt zu dem Berlin der
Biedermeierzeit mit seiner halb höfisch, halb bürgerlich abgestimmten Kultur,
die im Gegensatz zu dem verhetzten Dasein der modernen Großstadt, von
dem sehnsüchtigen Zauber der Vergangenheit umspielt, auftaucht. Diese
Zeit hat in dem neu aufkommenden Steindruck ihr eigenstes künstlerisches
Ausdrucksmittel sich geschaffen und innerhalb einer örtlichen Beschränktheit
mit Franz Krüger ihren berufensten Historiographen hervorgebracht.
Über die noch stark befangenen Versuche der Reute r’schen P o 1 y -
autographie hinweg läßt sich der schnelle und glänzende Aufstieg und
Sieg des Senefelder’schen Steindrucks verfolgen, dessen volle male-
rische Ausdruckskraft mit ihrer weichen Tonigkeit gerade von Krüger
meisterlich beherrscht wird. Bei ihm tragen und stützen Gegenstand und
Darstellung einander.

Reich und anmutig bietet sich das Bild der alten preußischen Königs-
stadt im Spiegel dieser Kunstleistung dar. An erster Stelle steht das Bildnis,
noch fern von der leidigen Zufallsgenauigkeit der Photographie und doch
von einer Treue in allen Einzelheiten, die man im guten Sinn photographisch
nennen kann. Der Hof mit dem aristokratisch-bürgerlichen Friedrich
Wilhelm III. an der Spitze beginnt die glänzende Reihe. Dieser Hof hält sich
nicht mehr nach allen Seiten hin streng abgeschlossen, er lebt als die vor-
nehmste, weitverzweigte Familie mitten unter dem Bürgertum, das ihm huldigt
und sich an der eleganten Sicherheit seines Auftretens ehrfurchtsvoll bildet.
Bleibt der alternde König vielleicht noch in einer fühlbaren Unnahbarkeit, so
schafft die ritterliche Schar seiner Söhne die Verbindung mit dem Publikum.
Und dieses Publikum ist nach wie vor „attent“ auf alles, was die erste Familie
des Landes betrifft. Es wählt seine Lieblinge, will die fürstlichen Damen
in ihrem neuen Modeputz, in ihrer kokett hochgetürmten Frisur sehen, die
Prinzen mit den Orden und Uniformen, die so knapp die Glieder, namentlich
die geschnürte Taille umschließen, es nimmt teil an den Besuchen, die die
Russischen, die Mecklenburgischen, die Niederländischen, die Anhalt-
Dessauischen Verwandten abstatten. Es hat für die Generalität den militä-
rischen Blick, für die Gelehrten ehrfurchtsvolle Hochachtung, für die Schau-
spieler bewundernde Neugier. Mit sportlichem Verständnis sieht es den
eleganten Equipagen des Prinzen Carl nach, und wenigstens im Bilde will es
das Zauberfest der weißen Rose genießen, mit dem in Potsdam im Rosen-
sommer 1829 der Geburtstag der russischen Kaiserin, „unserer einstigen
Prinzessin Charlotte“, gefeiert wird. Für all das hat Krüger Auge, Stift
und gute Laune bereit, und was er selbst nicht schaffen kann, führen andere
nach seinen Zeichnungen aus, wenn sie nicht überhaupt für ihn einspringen.
Diese Künstlergruppe um Franz Krüger kommt seiner Art manchmal
zum Verwechseln nahe, nur auf einem Gebiete bleibt er der Meister ohne-
gleichen, als Darsteller edler Pferderassen, wovon ihm der Beiname des
„Pferde-Krügers“ noch heute anhängt. Aber er hat Sinn und Blick für alles,
und wie er mit den hohen Herrschaften reitet, raucht und trinkt, so fühlt er
sich auch wieder mii dem Volke verwachsen. Wie Dörbeck, der Liv-
länder, der jung und schwindsüchtig nach Berlin kam, um bald wieder za

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