Amsler und Ruthardt <Berlin>   [Hrsg.]
Kupferstiche, Radierungen, Holzschnitte, Lithographien, Werke älterer und neuer Künstler mit geringen Ausnahmen: Dubletten des Kupferstich-Kabinetts der Staatlichen Museen in Berlin ; schöne Städteansichten, Bildnisse bekannter Persönlichkeiten ... ; Versteigerung zu Berlin: 23. März 1920 und folgende Tage — Berlin, 1920

Seite: 8
DOI Seite: 10.11588/diglit.23046#0010
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besonders reizvoll erscheinen die Stahlstiche, die er im Verein mit M a u c h ,
Biermann und H i n t z e für „Spikers Berlin und seine Umgebungen im
neunzehnten Jahrhundert“ geschaffen hat Vieles, was längst verschwand
oder seine Gestalt von Grund aus veränderte, lebt noch einmal im Zauber-
licht der Erinnerung auf und zeigt, daß Berlin einst eine charaktervolle
Schönheit besessen hat. Eine wichtige Rolle auf diesen Alt-Berliner Ansichten
spielt die Staffage, die mit ihren Modetrachten den kulturhistorischen Reiz
der Blätter erhöht. An der Hand dieser Künstler durchwandern wir die alte
Stadt, besuchen die Struve und Soltmannsche Trinkanstalt in der Hollmann-
straße (von Hermann gezeichnet und lithographiert, ein ganz selten
vorkommendes Blatt), genießen die Aussicht von der Höhe des Kreuzberges,
nehmen teil an den Frühjahrsmanövern bei Berlin (lith. und aufg. von
B r ü g n e r), und machen auch einen Ausflug nach Potsdam und seinen Um-
gebungen. Und immer scheint es, als strahle die Sonne besonders hell,
als sei die Luft geklärt und leuchtend, als blühe die Landschaft in ge-
segneter Fülle.

Diesen Berliner Künstlern, die den Charakter der Sammlung bestimmen,
schließen sich noch west- und süddeutsche Meister an. Aus Düsseldorf, das
durch seinen Akademiedirektor Wilhelm Schadow mit Berlin, wenn
auch nur äußerlich, verbunden ist, die beiden Achenbach’s mit mehr
realistischen, L e s s i n g mit schon ganz romantischen Motiven. München,
der Ausgangsort des Senefelder’schen Steindrucks, zeigt ein besonderes
Gesicht. Interessant für die zugleich praktischen Zwecke der Lithographie
sind die Senefelder'schen Noten- und Kartendrucke. Bemerkenswert auch in
ihrer Seltenheit die Wagenbaue r’schen Landschaften und seine
malerisch in die Umgebung gesetzten Tierdarstellungen. Für das Erwachen
der kunstgeschichtlichen Studien bieten die lithographischen Reproduktionen
S t r i x n e r’s und P i 1 o t y’s nach den Handzeichnungen alter Meister aus
dem Münchener Kabinett, die auch Goethe anerkennend rezensiert hat, ein
wertvolles Material. Unter den Radierern trifft man den gemütvollen
Neureuther, in dessen Darstellungen Oberbayerns Land und Leute so
echt leben wie in Kobells Dichtungen.

Der kleine Ausschnitt aus der französischen Originallithographie läßt
mit einem schier wehmütigen Seitenblick auf die Zersplitterung der deutschen
Künstlerschaft erkennen, wie Paris als intellektuelles und politisches Zentrum
Frankreichs und das Zusammenströmen aller wesentlichen Talente in diesem
Mittelpunkt den einzelnen gefördert hat. Wie anders hätte Menzel auf
seine Zeit gewirkt, im Verein mit Künstlern von dem Wüchse eines
Da umier, Gavarni, Charlet. Von ihnen allen birgt die Sammlung
vorzügliche Proben, besonders reich ist Charlet mit seinen Soldaten- und
Kinderszenen vertreten. Von englischen Stechern findet man schöne Blätter
von Charles Keene und Seyrnour Haden, die Niederlande sind
nur durch James Ensor vertreten, in die Kunst der Gegenwart führt
Käthe Kollwitz mit Drucken aus dem Bauernkrieg, unter denen man als
Rarität auch einen Abzug von einer verworfenen Platte findet

Eine gegenständlich interessante Abteilung von Städteansichten ist an-
gegliedert.

Das Hauptinteresse dieser Versteigerung aber gehört dem alten Berlin
und seinen Künstlern, denen man, nachdem die älteren Sammlungen aufgelöst
sind, nicht mehr sobald in diesem Reichtum und in dieser Qualität auf dem
Kunstmarkt begegnen wird.

HANS MACKOWSKY

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