Amsler und Ruthardt <Berlin>   [Hrsg.]
Sammlung des in Wien verstorbenen Hofrats Professor Dr. A. Politzer und geringe Beiträge aus anderem Besitz: eine reichhaltige Auswahl von Künstlerlithographien aus der Zeit der ersten Versuche bis zur höchsten Blütezeit, darunter zahlreiche Inkunabeln und Seltenheiten ersten Ranges aus Deutschland, Österreich, Frankreich ... anschließend moderne Graphik ; Versteigerung von Donnerstag, den 18. bis Sonnabend, den 20. Mai 1922 (Katalog Nr. 103) — Berlin, 1922

Seite: 10
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/amsler_ruthardt1922_05_18/0015
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
ist besonders mit den im allgemeinen fehlenden 20 Musterblättern, welche
aber das Exemplar dieser Sammlung Politzer enthält, von größter Seltenheit.
In Berlin fand die neue Technik durch Wilhelm Reuter schon 1803 Eingang,
und der Probedruck der ersten Federzeichnung von Reuter, Pluto raubt Pro-
serpina, gehört jener Zeit an. Federzeichnungen auf Stein mit dem Namen
»Polyautographie« wurden der Inhalt einer Publikation, die seit i8o4, drei
Jahre lang, Reuter mit Janus Genelli, Hampe u. a., deren Arbeiten in
Probedrudcen und seltenen Arbeiten vertreten sind, erschien. Von der langen
Reihe der Köpfe, die Reuter mit weicher Kreide in malerischer Breite vortrug
und die zu den seltensten Inkunabeln der deutschen Lithographie gehören,
sind viele Probedrudce vorhanden. Die Manier der »Polyautographischen
Zeichnung, hatte schon 1803 in England eine höhere Fertigkeit erreicht in
Benjamin West, B. Bayley, Richard Cooper, die in den anderen
graphischen Technikern geschult, schneller eine reifere Technik und auch nach
der künstlerischen Seite vollere Gebilde hervorbrachten. Diese seltenen und
schönen Blätter weist die Sammlung in vorzüglichen Drucken auf. VonW. Reuter
stammen auch die interessanten Andrucke für Geldscheine in versdiiedenen
Farben als Kassenscheine von fünf Talern. Von den wenigen Arbeiten
Schinkels findet man das romantische »Schloß Prediana« in zwei Exemplaren.
Von anderen deutschen Städten ist zu den wertvollen Inkunabeln zu rechnen
die in Piranesis Ruinengeschmack lithographierte Landschaft von Mathias
Koch aus Offenbach, der für die Firma Johannot dort arbeitete, dann der
Probedruck der ersten bedeutenden Lithographie, die i8o7 in Stuttgart von
I. B. Seele erschien und als Titel zu Schillers Reiterlied aus Wallensteins
Lager Verwendung fand und eine Arbeit N. Vogts aus Mainz vom Jahre 1803.
Das zweite Jahrzehnt des Jahrhunderts, das die Frühzeit der Lithographie
einschließt, ist auf deutscher Seite besonders nach der technischen und künst-
lerischen Seite hin durch reifere Arbeiten der Münchener Künstler vertreten
Neben der zarten Romantik der Heggen^Papiermühle von Leopold Brunner,
die Thomas und Steinhausens Lyrik vorausnimmt, findet man die bekannten
Arbeiten Dorners nach den großen holländischen Landschaftern wie auch
die in Beobachtung ausgeglichenen Landschaften Wagenbauers und die
kräftigen Strichzeichnungen Simon Warenbergers. Das reiche malerische
Repertoir in Übergängen vom tiefen Schwarz in Silbergrau zum leuchtenden
Weiß entfalten zuerst die Mitglieder der Familie Quaglio, von denen
Domenico Qua gl io im Probedruck zur Maximuskapelle^Salzburg in zwei
Zuständen besondere Wirkungen erzielt. In München trat mit dem Erwachen
kunstgeschichtlicher Studien die Lithographie in den Dienst der Reproduktion,

10
loading ...