Amsler und Ruthardt <Berlin>   [Hrsg.]
Handzeichnungssammlung eines süddeutschen Kunstfreundes: dabei Beiträge aus anderem Besitz ; deutsche Künstler des XVIII. Jahrhunderts, darunter eine ungewöhnlich reiche Auswahl von Daniel Chodowiecki ; umfangreiche Sammlung kostbarer deutscher Handzeichnungen des XIX. und XX. Jahrhunderts ... ; ferner hervorragende Arbeiten der bedeutenden ausländischen Künstler des XIX. und XX. Jahrhunderts ... ; Versteigerung Dienstag den 28. und Mittwoch den 29. Oktober 1924 (Katalog Nr. 105) — Berlin, 1924

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Kunstgeschichte die Deutung des Stilwillens in die Handschrift vom Persönlichen
einbezog. Den beiden großen Sammlungen Flinsch und Meyer ist diese des in
Süddeutschland verstorbenen Sammlers als Qualität der persönlichen Handschriften
ebenbürtig, an Interesse für alle Stiläußerungen des 19. Jahrhunderts aber bei weitem
umfassender und überlegener.

Deutlicher als das Nachwerk läßt die Zeichnung, besonders in Deutschland,
im 19. Jahrhundert die vielen Verästelungen des Stilwillens erkennen, welche die
Tradition und mutwilliges Vorgreifen vom Hauptstamm der Entwicklung abzweigen.
Schon das souveräne Selbstbestimmungsrecht in der Verwendung der technischen
Mittel gibt der deutschen Zeichnung eine besondere Stellung. Blei, Kreide und Kohle,
Feder und Pinsel, schwarz oder farbig, auf weißem oder getöntem Papier, zeigen,
daß das Verhältnis zur Natur alle Register vom geistigen Stilwillen bis zur naiven
Hingabe an die Fülle des freien Erlebens durchläuft und in der Zeichnung ihrer Form
und ihrer Technik eine rein graphische Selbständigkeit anstrebt, die berechtigt,
die deutsche Zeichnung als vierte Technik der graphischen Künste zu betrachten.

Wie aus der säuberlich handwerklichen Sepiamanier des ausgehenden 18. Jahr-
hunderts, die in Hackert und Zingg vertreten ist, sich die graphische Freiheit und
Selbständigkeit der Zeichnung erhebt, zeigt die große Sammlung von Chodowiecki-
Zeichnungen, in der besonders neben den Bleistiftstudien zu Radierungen der schöne
Männerkopf in schwarzer Kreide auffällt. Zu der vorwärtsweisenden Knappheit
dieser freien Anschauung, die ein Zeichen der Berliner Schule bis auf Liebermann
bleiben sollte, steht die flüssigere, von Malwerk geleitete Kreidetechnik Graff’s.
Besonders aber kann die Kenntnis der Zeichnungen der Nazarener, wie z. B.
Overbeck und Schnorr von Carolsfeld das allgemeine Urteil über diese Schule
aufhellen. Die scharfe, kühle Intelligenz eines Cornelius erzwingt in den stahl-
artigen Spannungen eine graphische Linie, mit der seine künstlerischen Energien
die Form zu vergeistigen strebt. Diese Klärung ist der schönen Zeichnung Veit’s
vom Jahre 1822 sowie den Studien Olivier's eigen, deren feine Strichführung
den berühmten Federlithographien von Salzburg nahesteht. Die religiöse Ein-
stellung brachte dieser Schule auch eine neue handwerkliche Gesinnung, die
in der sauberen Linie und klaren Modellierung zum Ausdruck kommt. Vor
der Landschaft fand diese hohe Abstraktion der Linie nicht genügend geistige
Spannung und räumte dem lavierenden Pinsel und der Kreide das Recht der
dekorativen Zusammenfassung ein. An den schönen großen Blättern der Koch,
Reinhart, Preller und Dreber ist die Auflockerung Schritt für Schritt zu beobachten,
bis die Stunde frei ist, wo der reine Sepiapinsel wie in Blechen’s „Waldfee“ und

AUKTIONS-KATALOG 105 VON AMSLER & RUTH AR DT / BERLIN W8
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