Andreae, Bernard  
Motivgeschichtliche Untersuchungen zu den römischen Schlachtsarkophagen — Berlin, 1956

Seite: 19
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DIE ZWEIREITERGRUPPE

Am Anfang unserer Untersuchung stehe eine Gruppe, die alle vier Sarko-
phage gemeinsam haben. Sie befindet sich auf A., T. und D. am linken Rande
der Darstellung und auf L. in der rechten Bildhälfte und zeigt einen Kampf
zwischen zwei Reitern: Ein mit Panzer, Helm und wehendem Mäntelchen aus-
gestatteter Krieger hat im Vorbeireiten nach rechts einen nackten Barbaren mit
der Lanze vom Pferd gestochen. Um dem vom Pferde Fallenden die in der
Gegend des Schlüsselbeins eingedrungene Lanze tiefer in den Leib zu stoßen,
lehnt er sich seitlich weit nach hinten. Indem er sich am Zügel festhält, reißt er
den Kopf des Pferdes heftig zurück, so daß es hoch aufsteigt. Der tödlich ge-
troffene Barbar, dessen rechtes Bein über den Rücken des Pferdes gleitet, klam-
mert sich beim Sturz mit der Rechten an den Zaum, die Linke greift ins Leere.
Sein linkes Bein ist zwischen die Hinterbeine des Pferdes geraten. So hängt er,
dem Beschauer den Rücken zuwendend, an der linken Flanke des Pferdes, das
in den Sprunggelenken eingeknickt und halb zusammengebrochen ist; es schleu-
dert den Kopf mit geöffnetem Maul empor, als ob es schriee.

Diese Gruppe wird von allen 4 Sarkophagen in weitgehender Übereinstim-
mung wiedergegeben. Die Unterschiede liegen mehr im Temperament, das sich
in der Darstellung äußert, als in faktischen Veränderungen. Am ehesten sind
solche noch bei L. festzustellen, wo der Römer an dem Gallier schon weiter vor-
beigeritten ist und mit seinem Pferd stärker hervorkommt. Auch ist dort die
Kopfhaltung des Gallierpferdes, das zudem einen Sattel trägt, gegenüber den
anderen geringfügig verändert. Geringfügig ist auch, daß auf A. der Gallier
den Kopf so weit in den Nacken wirft, daß das Gesicht erscheint, während man
bei den anderen auf den Hinterkopf sieht.

Bedeutungsvoll ist dagegen ein kaum merklicher Unterschied zwischen den
Sarkophagen D. und T. auf der einen und A. und L. auf der anderen Seite.
D. und T. zeigen den Gallier im Fallen an der Flanke seines Pferdes schwebend.
Der linke Fuß kommt noch nicht auf den Boden, während bei A. das linke Bein
vom Knie ab und bei L. der linke Fuß schon den Boden berührt. Die Tatsache
allein, daß die beiden erstgenannten Sarkophage D. und T. in ihrer Darstellung
übereinstimmen, während A. und L. sowohl davon als auch voneinander ab-
weichen, läßt schon vermuten, daß die Fassung auf D. und T. die originale sei.
Zudem ist sie reizvoller und trifft die Situation besser. Dieser kurze Hinweis
möge hier genügen, da wir auf die Beurteilung dieses Sachverhaltes unten noch
eingehen müssen (s. S. 28).

Zunächst ist eine weitere Beobachtung wichtig. Der vom Pferde fallende Gal-
lier scheint parallel zur Grundfläche bewegt zu sein. Sieht man genauer zu, so
zeigt sich, daß dies nicht die originale Stellung sein kann. Verbindet man die
Hinterhufe des Gallierpferdes miteinander, so ergibt sich eine Diagonale von
links vorn nach rechts hinten. Das Pferd steht auf dieser Linie senkrecht, also

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