Andreae, Bernard  
Motivgeschichtliche Untersuchungen zu den römischen Schlachtsarkophagen — Berlin, 1956

Seite: 20
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in einer Diagonalen von rechts vorn nach links hinten. Sonst könnte man auch
von seiner rechten Hinterbacke nichts sehen. Außerdem schiebt der Oberkörper
des Reiters, dessen linkes Bein zwischen den Beinen des Pferdes liegt, das Pferd
vorne zurück. Eine in der Anlage diagonale Stellung des Pferdes ist also in eine
stärker flächenparallele umgewandelt worden, wobei aber doch Andeutungen der
früheren Anordnung erhalten blieben. Besonders auffällig ist nämlich das Ver-
hältnis des vom Pferde fallenden Galliers zu dem siegreichen Reiter, der rechts
an ihm vorbeisprengt. Bei dessen Pferd ist die diagonale Stellung eindeutig,
obwohl auch hier Tendenzen, die Diagonalität zu mildern, fühlbar werden. Die
Aufsicht der Brust, die Verkürzung des Pferdeleibes und das nach hinten immer
flacher werdende Relief zeigen aber, daß dieser Reiter schräg nach vorn aus
dem Grund heraussprengt. Nun ist der Kampf zwischen den beiden aber nur
möglich, wenn sie parallel aneinander vorbeireiten. Sonst würde sich zwischen
den beiden Reitern ein Raumkeil befinden, so daß der siegreiche den fallenden
gar nicht erreichte, sondern mit der Lanze in die Luft stieße. Das bedeutet, daß
auf dem Vorbild auch der Gallier mit seinem Pferd entsprechend stärker diagonal
zum Grund gestellt war.

Wie läßt sich dieses Bemühen, ursprünglich raumdiagonale Formen an den
Reliefgrund anzugleichen, erklären? Wir wollen versuchen, diese Frage an Hand
der Entwicklung zu lösen, die der zurückgewandt kämpfende Reiter durchgemacht
hat, bis er hier als Teil einer Gruppenkomposition erscheint.

Der zurückgewandt kämpfende Reiter

Die wesentlichen Merkmale des Typus sind, daß der Reiter sich zurückwendet,
um nach hinten zu kämpfen, daß er den Kopf seines Pferdes heftig zurückreißt,
wodurch dieses kontrapostisch komponiert erscheint, und schließlich, daß er schräg
aus dem Grund heraussprengt.

Sieht man daraufhin die Denkmäler durch, so stößt man auf einen Reiter am
rechten Rande der Reiterschlacht auf dem Nordostfries des Julierdenkmals in
St. Remy9, der sich zurückwendet, um auf einen neben seinem Pferd nieder-
gebrochenen Gegner hinabzustechen. Sein Pferd, das den Kopf nach links zurück-
wirft, kommt schräg nach rechts aus dem tieferen Grund heraus. Dieser Reiter
auf dem in spätrepublikanischer oder frühaugusteischer Zeit entstandenen Denk-
mal10 weist also alle Züge auf, die für die Fassung auf den Sarkophagen charak-
teristisch sind. Diese Beobachtung ist besonders deshalb so wichtig, weil dies
das früheste Beispiel im Relief ist. Darf man nun annehmen, daß der Entwurf
dieses Reiters dem Meister des Juliergrabmals zuzuschreiben ist, oder muß nicht
vielmehr ein älteres Vorbild erschlossen werden? Die kunstgeschichtliche Stel-
lung der Julierreliefs ist noch umstritten11. J. Sieveking und C. Weickert, denen
E. Garger und H. Kenner folgten, bezeichneten Raumform und Komposition
der Julierreliefs als ausgeprägt italisch-römisch. R. Bianchi-Bandinelli wies dar-
auf hin, „che Fartista che ha fornito i modelli al lapicida, abbia concepito le
scene quali pitture". Das ist die Einschränkung einer Meinung12, die vor den
Aufsähen Sievekings und Weickerts lag und „in den Reliefs Niederschläge helle-
nistischer Malerei erkennen" wollte. F. Mat$13 zeigte dann die hellenistische Kom-

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