Andreae, Bernard  
Motivgeschichtliche Untersuchungen zu den römischen Schlachtsarkophagen — Berlin, 1956

Seite: 23
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ansieht zu malen, war hier schon seit viel früherer Zeit mit wechselndem Erfolg
versucht worden33. Das berühmteste Beispiel ist die senkrecht aus dem Bild her-
ausreitende Amazone des New Yorker Amazonenkraters34. Die klassische Lösung
des Problems brachte aber erst die Mitte des 4. Jahrhunderts. Als Beispiel sei
ein Krater aus AI Mina35 angeführt, auf dem ein Viergespann in Vorderansicht
dargestellt ist. Auf die Darstellung von Pferden in Vorderansicht folgt dann
die in schräger Seitenansicht, die ihre vollkommene Ausbildung in der Malerei
der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts findet. Bei der reitenden Amazone auf
einer um 375 bemalten attischen Pelike30 in Berlin zeigen sich Verkürzungen
am Pferd nur in Verschiebungen der Innenzeichnung, noch nicht am Umriß. Auf
der apulischen Volutenamphora37 der dreißiger Jahre in Berlin mit einer Dar-
stellung der Meleagerjagd dagegen findet sich ein Reiter rechts über dem Eber,
der in ähnlichem Motiv wie die Amazone der Berliner Pelike seine Lanze vor
der Brust hochgenommen hat, um sie schräg nach hinten niedersausen zu lassen.
Wenn auch der Schwanz des Pferdes noch ganz in der Ebene des Grundes liegt
und Hinterhand und Vorderbeine unverkürzt erscheinen, so entsteht doch der
Eindruck, das Pferd sei diagonal gestellt.

Aufschlußreich ist die Nebeneinanderstellung des Amazonenkraters in New
York38 und einer Kertscher Pelike39 in Leningrad, womit E. Bielefeld40 die Wie-
deraufnahme eines Mikonischen Motivs im 4. Jahrhundert beweisen wollte. Eine
von vorn gesehene, aus dem Bildgrund herausreitende Amazone trennt zwei
Kämpfende. Der wesentliche Unterschied ist die Umsetzung einer zum Grunde
senkrechten Stellung in eine diagonale. Jene kann bei aller Kühnheit der
Verkürzung nicht so viel spannunggeladene Raumhaftigkeit besitzen wie diese,
welche die imaginäre Räumlichkeit einer Bildfläche in widerstrebenden Be-
wegungen zur Darstellung bringt, indem sie den Blick an der Diagonalen ent-
lang in die Raumtiefe gleiten läßt. Auf der Kertscher Pelike in Leningrad be-
wegt sich das Pferd in vollkommener perspektivischer Verkürzung schräg nach
rechts aus dem Grund41.

In der Malerei war also schon am Ende des 4. Jahrh"ndcrts eine Darstellungs-
form vollendet, die ins Relief erst in römischer Zeit Eingang findet. Das muß
seinen Grund darin haben, daß das Verhältnis der Malerei und der Relief-
plastik zu dem Probkm der Perspektive ein verschiedenes ist. Ein Vergleich
von zwei Werken der beiden Kunstformen, deren eines die Umsetzung des an-
deren ist, muß das bestätigen.

Ein Beispiel für die Wiederholung eines plastischen Vorbildes in Ma-
lerei ist die Darstellung des Streites zwischen Athene und Poseidon auf
der Kertscher Hydria42 in Leningrad, die auf den Parthenonwestgiebel zu-
rückgeht. Der Vasenmaler hat das Pferd in die Diagonale gestellt. Das war
auf dem Vorbild nicht so. Der Zwischenraum, den die Carreysche Zeich-
nung läßt, zwingt uns, das Gespann des Poseidon parallel zum Grund zu er-
gänzen, wie das der Athene. Wie umgekehrt die Umsetzung eines gemalten
Vorbildes ins Relief aussieht, zeigt ein Vergleich zwischen Alexandermosaik
und Alexandersarkophag. Die Gruppe von Alexander und dem vom zusam-
mengebrochenen Pferd absteigenden Perser auf dem Alexandersarkophag geht
auf die ähnliche Szene des Alexandergemäldes zurück, dessen Kopie im Alex-

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