Andreae, Bernard  
Motivgeschichtliche Untersuchungen zu den römischen Schlachtsarkophagen — Berlin, 1956

Seite: 26
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Nicht nur durch die Verwendung gattungsfremder Elemente zeigen die Julier-
reliefs ihre Neuartigkeit, sie setzen sich auch in anderer Weise gegen das vorher-
gehende Relief ab. G. Krahmer58 hat als Merkmal des späthellenistischen Reliefs
den Kontrast von Figur und Grund nachgewiesen. Das Prinzip, das dort wirk-
sam war, scheint auf den Julierreliefs aufgehoben. Zwar gibt es am Reiter von
St. Remy keine einzige Linie, die sich nicht, und sei es nur eben spürbar, räumlich
entwickelte. Die linke Schulter des Reiters liegt vor der rechten, der rechte Arm
ist in einer ganz wenig nur von hinten nach vorn verlaufenden Spirale um die
ebenfalls etwas gegen den Grund geneigte Lanze gelegt, der Kopf des Pferdes
ist nicht ganz in die Fläche gerückt, sondern verkürzt usw., von den starken
räumlichen Motiven gar nicht zu reden. Aber zugleich ist alles so flächenhaft
behandelt, daß daraus kein Widerstreit zum Grund entsteht. Die Grundfläche
übt auf die flächigen Teile der Figuren nicht den magnetischen Zwang aus, sich
parallel zu ihr zu schichten, und wo kein Zwang ist, gibt es auch kein Wider-
streben. Wir können nicht mehr von einer Schichtung sprechen, so sehr durch-
dringen sich die Schichten ständig. Es gibt nur noch einen in der Fläche dar-
gestellten Raum. Von welch untergeordneter Bedeutung die Plastizität, die tat-
sächliche Tiefe der Relieffiguren ist, zeigen die Schrägansichten nach Aufnah-
men von den Tex bei Garger59. Obwohl das Relief durchaus nicht so flach ist,
wie man nach der Vorderansicht annehmen möchte, bieten diese Ansichten keinen
Eindruck von dem Dargestellten. Zu sehen ist ein unentwirrbares Gemisch aus
Wölbungen und Rifjungen im Stein, das man ohne die Kenntnis der Vorder-
ansicht nicht zu einem Bilde auseinanderordnen könnte. Dies mag z. T. daran
liegen, daß das Relief stark verwittert und bestoßen ist. Von vorne gewährt es
aber einen völlig klaren Eindruck. Das Bild als solches wird durch die Zer-
störung kaum beeinträchtigt. Das liegt auch an den durch tiefe Rillen angegebe-
nen Umriß- und Innenzeichnungen, die E. Hübner00 Konturen in Kohle ver-
gleicht. Die Wirkung der Erhabenheit des Reliefs sind die Schatten, die aber
den malerischen Eindruck des Ganzen noch verstärken.

Wir haben es also mit einem Kunstwerk zu tun, das zwar in Relieftechnik ge-
arbeitet ist, doch völlig mit den bisherigen Formen des Reliefs bricht, insofern,
als dem Relief auch die Möglichkeiten der Malerei eröffnet werden. Das äußert
sich vor allem in der Freiheit, perspektivische Verkürzungen zu verwenden.

Innerhalb des Reliefstils gibt es keine Entwicklung zu den Julierreliefs. Sie
muß in der Malerei vor sich gegangen sein, wo wir die Entwicklung einzelner
Motive verfolgen konnten.

Häufig ist zur kunstgeschichtlichen Erklärung der Julierreliefs das Alexander-
mosaik herangezogen worden. Auch Weickert61 leugnet nicht die Beziehungen
der beiden Werke zueinander, er erklärt nur, sie berührten das Problem nicht.
Wo liegt aber dann das Problem, wenn nicht darin, die Beziehungen zwischen den
Gesehen der perspektivischen Verkürzung, die in jahrhundertelanger Bemühung
in der griechischen Malerei entwickelt wurden, und ihrer Anwendung auf Reliefs
der römischen Zeit zu klären? Einem Bildhauer mit hellenistischer Formen-
sprache wird nicht zugebilligt, er sei imstande gewesen, sich plötzlich mit solcher
Vollkommenheit ein System kompliziertester Verkürzungen anzueignen. Ein
Italiker soll es aber gekonnt haben, wenn er auch keine Vorgänger, ja nicht ein-

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