Andreae, Bernard  
Motivgeschichtliche Untersuchungen zu den römischen Schlachtsarkophagen — Berlin, 1956

Seite: 27
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mal Vorbilder gehabt hat, von denen der hellenistische Künstler seine ganze
Kenntnis beziehen konnte. So ganz aus sich heraus, bloß von seinem anderen
Raumgefühl gestützt, soll der Italiker sich ein vollkommenes Gesetj der Perspek-
tive entwickelt haben, das doch schon zu Ausgang des 4. Jahrhunderts in der
griechischen Malerei bekannt war. Wir können Weickert nicht folgen, wenn er
meint: „Ein Vergleich zwischen Relief und Malerei kann niemals das Problem
berühren", ob die Raumauffassung der Julierreliefs griechisch oder römisch ist.
Denn aus einem Vergleich geht hervor, daß es sich gar nicht um eine grundsätz-
lich verschiedene Raumauffassung handelt, sondern um die Übertragung einer
malerischen Darstellungsweise auf das Relief, wodurch allerdings der Grund im
Relief eine andere Funktion erhält, die aber nicht gleichbedeutend ist mit einer
neuen Raumauffassung. Denn wegen der Funktion der Tiefendiagonalen stehen
sich die Raumauffassung der Julierreliefs und die des Alexandermosaiks nahe.

Es handelt sich nicht um verschiedene Raumauffassungen, sondern um
verschiedene Reliefauffassungen. Eine Feststellung, die Rodenwaldt62 am spät-
antiken, römischen Relief gemacht hat, besitzt offenbar für das gesamte römische
Relief Geltung: Das griechische Relief ist der Plastik zugeordnet, das römische
der Malerei.

Aber es würde den Rahmen dieser Arbeit überschreiten, allgemeinen Be-
obachtungen über das römische Relief nachzugehen. Geklärt werden sollte nur
die Herkunft des zurückgewandt kämpfenden Reiters auf dem Juliergrabmal,
der wiederum für das Verständns des gleichen Typus auf den Sarkophagen not-
wendig ist. Es zeigte sich, daß der Typus im späten 5. Jahrhundert zuerst auf-
taucht und sich in mehreren Stufen weiter entwickelt hat. Die Form, die der
Reiter am Juliergrabmal vertritt, gehört in den Hellenismus. Eine nähere Be-
stimmung kann erst später gegeben werden. Ein weiteres Ziel der Untersuchung
war es, zu klären, woher die Elemente stammen, aus denen der Reiter aufgebaut
ist, nämlich die diagonale Stellung und die kontrapostische Komposition des
Pferdes. Sie wurden in der Malerei des 5. und 4. Jahrhunderts entwickelt, fan-
den ins Relief aber erst Eingang in römischer Zeit. Daraus läßt sich für die hier
behandelte Frage zweierlei gewinnen: Erstens liegt der Schluß nahe, daß der
zurückgewandt kämpfende Reiter am Juliergrabmal auf ein hellenistisches Ge-
mälde zurückgeht. Zweitens läßt sich daraus das oben S. 19 f. gekennzeichnete,
auf den Sarkophagen zu beobachtende Bemühen erklären, ursprünglich raum-
diagonale Formen an den Reliefgrund anzugleichen: Auch der Typus auf den
Sarkophagen stammt aus der Malerei. Die diagonalen Formen des Vorbildes
wurden aber auf den Sarkophagen in klassizistischer Weise in die Fläche ge-
rückt. Ähnliche „Entstellungen, die erst bei der Umsetzung einer Malerei in das
Relief zustande gekommen sind"63, begegnen auch auf anderen kaiserzeitlichen
Sarkophagen.

Es bleibt noch die Frage, wann die Fassung des Reiters, wie sie auf den Sarko-
phagen begegnet, entstanden ist. Sie geht noch über die Form des Reiters von
St. Remy hinaus. Der Reiter auf den Sarkophagen ist im Ganzen heftiger bewegt.
Er führt eine doppelte Bewegung aus. Den Zügel anziehend legt er sich weit zu-
rück und lehnt sich zugleich zur Seite, um über dem Leib des zusammenbrechen-
den Pferdes den herabfallenden feindlichen Reiter zu erreichen. Diese Form ist

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