Andreae, Bernard  
Motivgeschichtliche Untersuchungen zu den römischen Schlachtsarkophagen — Berlin, 1956

Seite: 29
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Die Gesamtgruppe

Die beiden Typen, aus denen die Zweireitergruppe zusammengesetzt ist, sind
der zurückgewandt kämpfende und der an der Flanke seines Pferdes herab-
fallende Reiter. Beide sind auf gleicher Höhe in parallelen Diagonalen angeord-
net, deren eine von links hinten nach vorn rechts verläuft, während die andere
in umgekehrter Richtung geht, so bilden die beiden Pferde eine stark betonte
Raumdiagonale. Diese wird durch eine schwächere, nämlich die Richtung, in
der sich der Kampf vollzieht, durchkreuzt. Begleitet wird diese Nebendiagonale
durch den nach rechts hinten weisenden Unterschenkel des Galliers.

Das Prinzip dieser Komposition hat F. Ma^09 bei anderen Gruppen als spät-
hellenistisch erkannt und folgendermaßen beschrieben: „Aufschluß des Raumes
ist das Anliegen der späthellenistischen Gruppenbildung. Durch die Über-
betonung der einen Diagonale wird dies erreicht. Die chiastischen Motive, die
nicht fehlen, ordnen sich unter. Als Kontraste dienen sie der Verstärkung der
Hauptwirkung. An der vordergründigen, flachbühnenhaften Art des Ganzen
ändert sich aber nichts."

Wie bei der Teuthrasgruppe des Telephosfrieses70 kommt auch bei der Zwei-
reitergruppe die „Breitenachse der Gruppe'1 besonders in dem Oberkörper des
siegreichen Reiters und in dem zur Seite geworfenen Kopf des Pferdes zur Gel-
tung. Man darf also wohl auch die Erfindung dieser Gruppe an den Anfang des
Späthellenismus setzen. Schon bei der Betrachtung des zurückgewandt kämpfen-
den Reiters wurde vermutungsweise diese Datierung des Vorbildes angenommen.
Sie läßt sich drittens durch den Vergleich mit einer hochhellenistischen Vorstufe
des betrachteten Gruppenschemas bekräftigen, die das schon öfter erwähnte
Friesstück aus Lecce in Budapest71 bietet.

Die auf diesem Relief dargestellte Gruppe zweier aneinander vorbeisprengen-
der Reiter, die sich im Sattel zurückwenden, um den Gegner noch zu erreichen,
bat A. Hekler72 in der Reiterschlacht des Juliergrabmals73 und in der Jagd des
Sarkophags aus Sidamara in Istanbul74 wiedererkannt. Man kann hier auch noch
den wohl aus den dreißiger Jahren des 3. Jahrhunderts n. Chr. stammenden
Jagdsarkophag in Dresden75 heranziehen. Die Gruppe ist in allen vier Fällen
so ähnlich, daß man einen gemeinsamen Archetypus annehmen muß. Die Szene
ist am treuesten auf dem Relief in Budapest überliefert. Dort ist der linke Reiter
vom Rücken gesehen, der rechte von vorn. Auf dem Juliergrabmal ist nicht nur
der linke, sondern auch der rechte Reiter vom Rücken gesehen, er hat sich also
nach links um seine eigene Achse gedreht und nicht nach rechts, was natürlich
wäre; denn so brauchte er nur eine Vierteldrehung zu vollziehen.

Auch auf dem Sarkophag aus Sidamara, wo die Kampfgruppe zu einer Jagd-
gruppe umgebildet erscheint, ist der entsprechende Reiter von vorn gesehen. Es
spricht also auch diese Übereinstimmung mit dem Relief aus Lecce dafür, daß der
Reiter des Vorbildes sich nach seiner rechten Seite zurückgewandt hat.

Auf dem Dresdener Sarkophag sind beide Reiter von vorne gesehen. Außer-
dem ist die Gruppe räumlich stark verunklart76, so daß sie für die Kenntnis des
Archetypus wenig hergibt.

Die Erfindung dieser Gruppe wollte Hekler72 einem der großen Maler der

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