Andreae, Bernard  
Motivgeschichtliche Untersuchungen zu den römischen Schlachtsarkophagen — Berlin, 1956

Seite: 34
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einen gefallenen Barbaren erweitert, der mit dem Kopf nach links unter dem
Pferd des Reiters liegt.

Der vorgeneigt kämpfende Reiter

Der Reiter neigt sich am Hals seines Pferdes vorbei nach vorne und zieht den
rechten Arm hoch, um mit der Waffe zum Stoß nach unten auszuholen. Durch
diese Bewegung verdeckt er sein Gesicht. Die Ausbildung des Reiters ist auf den
einzelnen Sarkophagen allerdings entsprechend dem Temperament der Sarko-
phagarbeiter verschieden. Auf T. und D. neigt der Reiter sich nur wenig vor, auf
A. und L. beugt er sich weit nach vorne, um den Niedersinkenden zu erreichen.
Dieses Motiv ist so eigentümlich und gut erfunden, daß man annehmen darf, das
Vorbild habe es ebenfalls gehabt. Die ,lectio difficilior' pflegt die originale zu
sein. Vereinfachungen sind einem Nachahmer — und das ist ein Sarkophagarbei-
ter — wohl zuzutrauen, die Erfindung eines so reizvollen Zuges nicht.

Auch in der Darstellung des Pferdes sind die Sarkophage nicht gleich. Auf A.
wird nicht recht deutlich, wie sich das Pferd bewegt. Sein Hinterteil ist überschnit-
ten, sein Vorderteil kommt stärker aus dem Grunde hervor, als ob sich das Pferd
schräg nach vorn aus dem Grunde herausbewegte. Man kann aber nicht auf den
Bug des Pferdes sehen, was in dem Fall möglich sein müßte. Auch erscheint der
Kopf des Pferdes so weit nach links zurückgeworfen, wie es nur möglich ist, wenn
das Pferd nach rechts in den Grund hineinsprengt. In dieser Weise bewegt zei-
gen es die anderen Sarkophage. Am deutlichsten T.: die Hinterhufe des Pferdes
stehen auf einer von rechts vorn nach links hinten verlaufenden Schräge, das
Pferd steht senkrecht auf dieser Linie, also in einer Diagonale von links nach
rechts. Der rechte Hinterhuf des Pferdes steht vor dem rechten Fuß des nieder-
sinkenden Galliers auf gleicher Flöhe mit dessen Knie, der rechte Vorderhuf
ist hinter dem Kopf des Barbaren und wird durch einen dazwischen befindlichen
Schild noch weiter zurückgeschoben. Der Widerrist des Pferdes ist verkürzt.
Ebenso ist es auf D. Auf L. schiebt der Oberkörper des Reiters das Pferd zurück.
Von der Brust des Pferdes wird in keinem Fall etwas sichtbar, und der Reiter
bietet immer eine Rückenansicht. Aus all diesen Zügen geht hervor, daß das
Pferd des Vorbildes schräg nach hinten sprengte. Diese ursprünglich diagonale
Stellung des Pferdes wurde aber wie bei den zuvor betrachteten Pferden dieser
Sarkophage in klassizistischer Weise gemildert oder in eine flächenparallele um-
gewandelt, wobei sich die Anordnung, wie sie das Vorbild bot, nur noch in ver-
nachlässigten Einzelheiten verrät. Einen wesentlichen Zug des Vorbildes haben
die Sarkophage gemeinsam überliefert: Der Reiter reißt den Kopf des Pferdes
heftig nach links zurück, so daß das Pferd ebenso wie das des zurückgewandt
kämpfenden Reiters eigentümlich kontrapostisch komponiert ist. Die Elemente,
aus denen der Typus aufgebaut ist, sind also das Sich-Vorbeugen des Reiters,
die diagonale Anordnung des Pferdes und das Zurückreißen des Pferdekopfes.

Die beiden zulefjt genannten Züge haben wir im Allgemeinen schon behandelt,
als wir die Entwicklung des zurückgewandt kämpfenden Reiters betrachteten
(S. 22 ff.). Es zeigte sich, daß sie in der Malerei des ausgehenden 5. und des 4.
Jahrhunderts entwickelt wurden, ins Relief aber erst in römischer Zeit Eingang

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