Andreae, Bernard  
Motivgeschichtliche Untersuchungen zu den römischen Schlachtsarkophagen — Berlin, 1956

Seite: 37
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Die betrachtete Komposition bewegt sich von diesem organischen Verhältnis fort
zu dem kontrastreichen des Hellenismus. Allerdings ist das im Ganzen nur ein
Ansatz. Zwar lehnt sich die Amazone in kühnem Motiv seitlich neben dem
Pferdehals in den Reliefgrund hinein, von einem Gegensat} zwischen Figur und
Reliefgrund kann aber noch nicht gesprochen werden. Vielmehr entwickelt sich
die Figur bei aller Freiheit der Bewegung noch völlig in der Fläche. Die Be-
wegung geht parallel zum Grunde vor sich, der Pferdeleib, das linke Bein
der Amazone, ihr rechter Arm sind zwanglos in der Fläche angeordnet. Auch
ihr Oberkörper muß als weitgehend parallel zur Grundfläche ergänzt werden.
Aus den Resten hinter dem Pferdehals läßt sich erschließen, daß er in der Gürtel-
gegend gewendet war. Auch aus dem Abstand vom linken zum rechten Ellen-
bogen ergibt sich eine Wendung in die Fläche, denn die Entfernung könnte nicht
so groß sein, wenn nicht die ganze Breite der Brust dazwischen läge. Vom Kopf
ist am linken Bruchrand noch ein Haarzipfel erhalten, woraus man erkennen
kann, wie weit der Oberkörper vorgeneigt und daß vom Gesicht der Reiterin
auch hinter dem Pferdekopf noch viel zu sehen war.

Das Auffällige ist die Bewegung aus einer Reliefschicht in die andere. Über-
schneidungen schaffen verschiedene Reliefschichten. Wenn nun eine Figur sich
so bewegt, daß sie mit einem Teil ihres Körpers die Ebene überschneidet, in der
der andere sich befindet, so geschieht die Bewegung aus einer Reliefebene in
die andere. So ist es hier, denn das Pferd, das in der gleichen Ebene mit dem
Unterkörper der Amazone liegt, überschneidet ihren Oberkörper. Etwas Der-
artiges ist dem Relief des 5. Jahrhunderts fremd. Selbst noch am Nereidenmonu-
ment wird ein ähnliches Problem ganz anders behandelt. Auf Platte 862 des
Britischen Museums106 fällt ein Krieger vornüber an der Seite des Pferdes herab.
Sein Körper liegt aber ganz in einer Schicht vor der Schicht, in der das Pferd
dargestellt ist. Am Maussolleion wird der Pferdehals dadurch vom Grund ge-
löst, daß der Körper der Amazone hinter ihm herumgeführt wird. Am Nereiden-
monument ist davon nichts zu bemerken. Pferd und Reiter bleiben infolge des
schichtenden Aufbaus dem Grund verhaftet. Lösung der Figur vom Reliefgrund
widerspricht der Reliefform des 5. Jahrhunderts, wird aber schließlich ein Merk-
mal des hellenistischen Reliefs. Eine derartige Tendenz setjt schon am Maussol-
leion, wenn auch nur zögernd, ein. Das Motiv des Reiters, der sich am Pferde-
hals vorbei nach vorne legt, dient hier nicht dazu, die Figur zum Grund in Gegen-
satz zu stellen, sondern ihre freie Beweglichkeit im Raum zu betonen.

Am Alexandersarkophag107 begegnet das Motiv des Sich-Vorneigens diesmal
bei einem nach rechts Reitenden allerdings in abgeschwächter und den alten
Gesetzen verhafteter Form. Die Bewegung des Persers in der Mitte der Ostseite
über dem knienden Bogenschü^en ist nicht so ausladend wie die der Amazone
vom Maussolleion und deshalb nicht zu vergleichen. Dasselbe gilt für einen ähn-
lichen Reiter auf einem Canosiner Askos des 2. Jahrhunderts v. Chr.108. Auch
die Amazone 7 K vom Südfries des Artemistempels in Magnesia109 geht in der
räumlichen Behandlung nicht über die ähnliche Amazone vom Maussolleion
hinaus.

Eine Weiterentwicklung des Motivs wird für uns erst am Juliergrabmal110
faßbar. Hier hat es eine andere Wirkung. Da der auf diagonal angeordnetem

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