Andreae, Bernard  
Motivgeschichtliche Untersuchungen zu den römischen Schlachtsarkophagen — Berlin, 1956

Seite: 38
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Pferd nach links bewegte Reiter über dem Eber einen spitjen Winkel zum Grund
und zum Pferdeleib bildet, führen Achsen nach verschiedenen Richtungen aus
dem Grund heraus. Diese Verschiebung der Achsen von Reiter und Pferd be-
wirkt eine künstliche Ausweitung des Raumes, die für die hellenistische Kunst
charakteristisch ist. Die sperrige Komposition des Pferdes, die Heftigkeit und
Momentaneität weist wie beim zurückgewandt kämpfenden Reiter (s. o. S. 25 f.)
auf den Hochhellenismus. Das Motiv findet sich jeweils in etwas abgewandelter
Form noch zweimal am Juliergrabmal, noch einmal auf dem Südwestfries und
auf dem Nordostfries. Das Pferd links neben dem Baum der Eberjagd über dem
Verwundeten ist in ähnlicher Haltung gegeben wie das rechts von ihm, nur nicht
so leidenschaftlich bewegt. Von ihm sind nur Kopf und Brustansat; sichtbar. Der
Reiter neigt sich nach seiner linken Seite. Mit dem rechten Arm will er die Lanze
auf diese Seite herüberschwingen und blickt schon auf das Wild, das er treffen
will, hinab. Das Motiv erscheint also ein wenig verändert. Ist das Ausstrahlen
der Achsen von Reiter und Pferd hier an sich stärker als bei der vorher betrach-
teten Figur, da der Reiter sich nach der rechten, das Pferd sich nach der linken
Seite bewegt, so wird es doch dadurch gemildert, daß das Pferd seinen Kopf
nach rechts wendet.

Das dritte Beispiel vom Juliergrabmal, ein Reiter aus der Reiterschlacht der
Nordostseite, der über dem gestürzten Pferd zum Angriff ansetjt, zeigt das
Motiv in einer Ansicht, die bei größter Ähnlichkeit zu der Amazone 27 vom
Maussolleion den Wandel der Form verdeutlicht. Der augenfälligste Unter-
schied ist die diagonale Anordnung des Pferdes und die kühne Verkürzung.
Feinere Unterschiede kommen hinzu: Aus dem großen, fast hoheitsvoll zu nen-
nenden Aufsteigen des bei aller Kraft anmutigen Pferdes ist ein kurzes, heftiges
Sich-Aufbäumen geworden, ein leidenschaftliches Sich-Zusammenziehen, aus
dem das Pferd im gleichen Augenblick blitzartig vorzuschnellen scheint. Vom
Reiter ist nur wenig zu sehen. Der Körper verschwindet ganz hinter dem Hals
und Kopf des Pferdes, auf dessen Seite der Reiter sich nach vorne geworfen hat,
um mit der Lanze den Gegner zu erreichen, während er sich mit dem Schild am
linken Arm deckt. Damit ist nicht mehr die Darstellung eines schönen Körpers
in der Bewegung, in einem interessanten Motiv beabsichtigt. Es handelt sich um
die Erfassung einer leidenschaftlichen Handlung und um die Darstellung des
Raumes, in dem sie sich vollzieht.

Der Triumphbogen von Orange111, ein dem Juliergrabmal verwandtes Denk-
mal, zeigt in der Mitte des Attikafrieses seiner Nordseite einen ähnlichen Reiter.
Die Arbeit ist weit geringer, das Relief auch mehr verwittert. Doch ist auch
hier wie bei den Julierreliefs die Darstellung noch gut zu erkennen, da auch diese
Reliefs von der gleichen Art sind. Der Reiter lehnt sich weit vor und sticht nach
unten mit der Lanze, die sinnloserweise oberhalb der Hand gesplittert ist. Einen
Ovalschild hält er mit der Linken, die auch die Zügel führt, auf der linken
Seite des Pferdes. Das Motiv hat sich kaum geändert. Anders ist die Komposition,
worauf wir in diesem Zusammenhang nicht näher eingehen können. Nur soviel
sei gesagt: Die Figur ist in einen höheren Bildraum eingeordnet, der in Aufsicht
gegeben ist. Der Reliefgrund ist mit sich überschneidenden Figuren bedeckt. Auch
diese Reliefs gehen wegen der Verkürzung der Pferde auf Malerei zurück. Zu

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