Andreae, Bernard  
Motivgeschichtliche Untersuchungen zu den römischen Schlachtsarkophagen — Berlin, 1956

Seite: 42
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darf. Kann dieses der attalische Gallier gewesen sein, der in einer einzigen Kopie
in Venedig (S. 41 II a 5) überliefert ist?

Zunächst ist festzustellen, daß die Übereinstimmung mit dem attalischen Gal-
lier größer ist, als es beim ersten Blick auf die Kopie in Venedig den Anschein
hat. Der rechte Arm war gebrochen und wurde in der Renaissance falsch er-
gänzt. Nun ist die allgemeine Ähnlichkeit mit dem Gallier der Sarkophage so
groß, daß Reinach Recht hat mit seinem Vorschlag, den Gallier in Venedig ent-
sprechend dem auf A. zu rekonstruieren. Allerdings mit einer bestimmten Modi-
fikation. Der Gallier der Sarkophage hat sich bereits das Schwert ins Herz ge-
stoßen, der attalische Gallier will es erst. Ob er, wie v. Bienkowski132 behauptet,
nur die linke Flanke treffen konnte oder sich das Schwert in die rechte Brust
stoßen wollte, kann m. E. nicht mehr mit Sicherheit entschieden werden. Viel-
leicht hat er wie die entsprechende Figur auf dem Kohlenbecken in München
(S. 41 IIb 7) das Schwert unter dem Brustbein angesetzt. Doch ist das für die
Frage nicht wichtig. Sicher ist, daß er das Schwert noch nicht in die Brust gestoßen
hat wie der Gallier auf den Sarkophagen. Denn es ist keinerlei Abarbeitung oder
Ansafjstelle zu sehen. Dabei bleibt eine Frage zunächst offen. Warum fällt der
Gallier, wenn er sich noch nicht getötet hat?

Demgegenüber ist ein anderer Unterschied des attalischen Galliers in Ve-
nedig zu den Galliern auf den Sarkophagen nicht schwerwiegend, da es zweifel-
haft ist, ob er auch beim Original so groß war wie bei der Kopie. Der Gallier
in Venedig hat seine Beine nicht übereinandergeschlagen, sondern stemmt das
Knie auf den Boden, während der linke Unterschenkel nach hinten geführt ist.
Es besteht aber bei der Kopie in Venedig ein harter Gegensat} zwischen dem
breiten und kräftig durchgebildeten rechten Oberschenkel und dem schmächtigen,
eigentümlich unorganisch und kantig gearbeiteten linken. Das Knie ist in die
Plinthe gedrückt. Man möchte diese Schwächen dem Kopisten zuschreiben. Die
Beinhaltung des Originals wäre dann wie die der Gallier auf den Sarkophagen
vorzustellen. Auch das linke Bein war stärker ausgestreckt, das Knie blieb überm
Boden, und der Unterschenkel ging nicht nach rechts hinten, sondern lag unter
dem rechten Unterschenkel. So wäre das Loch unter dem rechten Bein der ve-
nezianischen Kopie gefüllt und das ganze Motiv eindrucksvoller. Die Ausbildung
des linken Beines wäre dann als Hilfsmittel anzusehen, das der Kopist benutze,
um seinem Marmor den neben den Füßen und dem Arm notwendigen Stützpunkt
zu geben. Die Absicht soll aber verborgen bleiben. Denn der Eindruck, daß auch
diese Figur falle, bleibt infolge der schrägen Lage erhalten.

Stimmt man dieser Vermutung zu, so ist auf den Unterschied in der Bein-
haltung nicht viel Wert zu legen. Hält man aber die Beinhaltung der veneziani-
schen Kopie für treu überliefert, so müßte auch für den Meister des attalischen
Galliers eine ähnliche Absicht erschlossen werden wie für den Kopisten: auch
er habe ein Vorbild mit der für das ganze Motiv sinnvollen Beinhaltung um-
gebildet, um den statischen Erfordernissen seiner Freiplastik zu genügen. Das
Vorbild müßte dann der Malerei entstammen, die auf statische Bedingungen
keine Rücksicht zu nehmen braucht. Man könnte weiterhin das Vorbild für den
Gallier der Sarkophage mit dem des attalischen Galliers zusammenbringen, denn
auch ein Relief unterliegt keinen statischen Bedingungen, und schließen, daß

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