Andreae, Bernard  
Motivgeschichtliche Untersuchungen zu den römischen Schlachtsarkophagen — Berlin, 1956

Seite: 45
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Art gehandelt zu haben als bei den übrigen Urnen, in denen Nachbildungen
von Gemälden zu erkennen sind. Im Falle der Urne aus Volterra ist das Vor-
bild eine Freiplastik gewesen, was durch einen Zug im Aufbau des Pferdes
bewiesen wird. Der Schwanz reicht bis auf den Boden. Das ist ein Motiv von
statischer Bedeutung, das auch bei einer Reihe der von Schweitzer behandelten
späthellenistischen Reiterstatuen vorkommt138. Es ist ein technisches Hilfsmittel,
das den Halt des Pferdes sichert, im Gemälde oder Relief ist es sinnlos und
begegnet dort sonst auch nicht.

Daß es sich bei dem gemeinsamen Vorbild der Beispiele II b um eine Frei-
plastik handelt, wird dadurch bekräftigt, daß zwei von den vier Wiederholungen
Freiplastiken sind, wenn man das Vorbild Riccios mitrechnet.

Wenn das Vorbild ebenfalls eine Rundplastik gewesen ist, denkt man an den
attalischen Gallier von der Akropolis. Aber bei ihm ist gerade der Reiter, der
die anderen Beispiele zu einer Gruppe zusammenfaßt, nicht mitüberliefert. Wenn
das bedeutet, daß er auch im Original nicht mit dem Gallier zusammen dar-
gestellt war, so kann er das Vorbild der Beispiele II b nicht gewesen sein. Ist
das aber sicher?

Zunächst ist zu fragen, ob im attalischen Weihgeschenk die Gegner mit dar-
gestellt waren. Unter den Denkmälern ist nichts sicher überliefert. Das kann
entweder daher kommen, daß sich die römischen Kopisten nur für die Motive
der Unterlegenen interessiert haben, oder es kann eine Willkür der Überliefe-
rung sein. Sicher liegt es nicht daran, daß die Gegner in der Originalgruppe
nicht mit dargestellt waren. Man sollte das nicht mehr bezweifeln. Allein daß
Plutarch13" den Dionysos aus der Gigantomachie erwähnt, in welchem Zusam-
menhang auch immer, ist ein Beweis für seine Existenz. Ganz gleich, ob es sich
bei dem durch einen Sturmwind verursachten Sturz des Dionysos um eine
Anekdote handelt oder nicht, Plutarch würde niemals von einer Statue auf der
Akropolis gesprochen haben, die es überhaupt nicht gab. Er hatte ja in Athen
studiert und war sicher oft genug auf der Akropolis gewesen. Zudem hätte kei-
ner seiner Leser gewußt, was er mit dem Dionysos meinte, wenn er gar nicht
existiert hätte.

Wenn nun zu dem Gallier in Venedig ein Gegner zu ergänzen ist, dann scheint
ein Reiter von der Art dessen, den die Urne in Volterra bietet, am ehesten ge-
eignet. Man darf also in dem attalischen Gallier das Vorbild für die in der
Gruppe II b zusammengefaßten Beispiele erkennen.

Diese Bespiele müssen daher bei der Beurteilung des Vorbildes für die Sarko-
phage ausgeschieden werden.

Auch dieBeispiele der dritten Abteilung geben dafür nichtviel aus.Sie folgen ei-
ner allgemeinen Anregung und verfahren mit der Vorlage mehr oder weniger frei.
Die Urne in Monte Pulciano (S. 41 III 10), die den Gallier an seinem Schild Halt
suchend und die Rechte in flehender Gebärde erhebend zeigt, wurde schon von
v. Bienkowski ausgeschieden. Ähnlich ist die Umbildung auf dem Palermitaner
Sarkophagdeckel (S. 15 A I 9), wo allerdings Übereinstimmungen mit dem Ge-
wand des Galliers auf den frühen Sarkophagen festzustellen sind. Der Sarko-
phag in Ince Blundell Hall (S. 15 A I 2) gibt den Barbaren spiegelbildlich wieder.
Die beiden Beispiele von der Trajanssäule wiederholen ihre Vorlagen in freier

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