Andreae, Bernard  
Motivgeschichtliche Untersuchungen zu den römischen Schlachtsarkophagen — Berlin, 1956

Seite: 48
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Gekreuzt werden diese Diagonalen durch die Blickrichtung der beiden Haupt-
figuren, das ist zugleich die Richtung, in welcher der Reiter Oberkörper und
Waffe bewegt. Der nackte gefallene Gallier, der mit dem Oberkörper nach
links liegt, verstärkt die Hauptdiagonale in umgekehrter Richtung. Überdies
bildet er durch die bogenförmige Haltung seines Leibes, die auf T. besser zu
erkennen ist als auf D., eine Entsprechung zu der Linie, die den Körper des sich
selbst tötenden Galliers durchzieht. So kommt in das Ganze eine zentrifugale
Spannung, die für den Hellenismus bezeichnend ist. Die Gruppenkomposition ist
außerordentlich reich und raumhaltig.

Das Prinzip dieser Komposition ist das gleiche wie das der zuvor betrach-
teten Zweireitergruppe (s. o. S. 29 f.). Es gehört also in die gleiche Zeit wie
jenes, in den jüngeren Hellenismus. Diese Datierung wurde schon bei der Be-
trachtung der einzelnen Typen, aus denen die Gruppe aufgebaut ist, nahegelegt.

Das Kompositionsprinzip der Gruppe hat nur für die Malerei einen Sinn.
Hier allein kommen in griechischer Zeit Raumdiagonalen vor. Auch hier wird
also, was sich schon bei den einzelnen Typen zeigte, für die Gesamtgruppe be-
stätigt. Sie stammt aus der Malerei149. Besonders aufschlußreich ist dabei, daß
die Sarkophagarbeiter sich in klassizistischer Weise bemühen, die Diagonalen
an den Reliefgrund anzugleichen. Das gelingt ihnen so gut, daß die diagonale
Anordnung mehr aus Andeutungen zu erschließen ist, als daß sie kräftig in
Erscheinung träte. Aber das ist gerade ein Beweis für ihr Vorhandensein im
Original. Man braucht nichts mit Absicht in die Fläche zu rücken, was nicht
räumlich war.

Die Kunstgattung, aus der die Gruppe stammt, und die Zeit, in der sie er-
funden wurde, haben wir zu bestimmen versucht. Ist auch etwas über den ört-
lichen Kunstbereich zu erfahren, in dem sie entstanden ist? In diesem Fall ist
er nicht schwer zu bestimmen. Der Phänotypus der Gallier auf den Sarkophagen
ist der pergamenische, der uns von dem Weihgeschenk des Attalos genugsam
bekannt ist, und der bei der Übereinstimmung der beiden Barbaren unserer
Gruppe mit dem Niedersinkenden und mit dem Gefallenen in Venedig be-
sonders deutlich wird. An einer Entstehung der Gruppe im Bereich der perga-
menischen Kunst wird man also nicht zweifeln dürfen.

Hier kann etwas zu der Zweireitergruppe nachgetragen werden. Auch der
vom Pferde fallende Barbar dieser Gruppe ist in seiner äußeren Erscheinung den
pergamenischen Galliern nahe verwandt. Das ist wegen der Rückenansicht bei
ihm zwar nicht so gut zu erkennen wie bei denen der anderen Gruppe, reicht
aber doch aus, um die Herkunft auch dieser Gruppe aus Pergamon zu sichern.

Eine Frage ist noch offen: Wie ist das Verhältnis zwischen dem attalischen
sich selbst tötenden Gallier und dem Original der behandelten Gruppe zu den-
ken? Unabhängigkeit ist bei so weitgehender Ubereinstimmung ausgeschlossen.
Will man nicht ein drittes gemeinsames Vorbild annehmen, wozu kein Grund
vorliegt, so läuft es auf die Frage der Priorität hinaus. Hier hilft uns eine Be-
obachtung weiter, auf die oben S. 42 schon hingewiesen wurde. Der Gallier in
Venedig ist erst im Begriffe, sich das Schwert in die Brust zu stoßen, er hat es
noch nicht getan wie der Gallier der Sarkophage. Dadurch kommt aber eine
gewisse Unklarheit in das ganze Motiv. Warum fällt der Gallier, wenn er

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