Andreae, Bernard  
Motivgeschichtliche Untersuchungen zu den römischen Schlachtsarkophagen — Berlin, 1956

Seite: 54
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Juliergrabmal hinaus. Nur sprengt der Reiter über den mit dem Pferde Stürzen-
den nicht mehr nach vorne, sondern in einer nur wenig gegen die Bildebene
verstellten Diagonale nach hinten, wie aus der Rückenansicht des Reiters auf D.
hervorgeht. Die Diagonale, welche der Stürzende, und die, welche der über ihn
Hinwegreitende bildet, kreuzen sich also unter einem spitjen Winkel. Das macht
den ganzen Gruppenaufbau komplizierter. Die Gruppe wird demnach im jün-
geren Hellenismus entstanden sein. Diesen Ansatj legte auch die Bildung des
Vornüberstürzenden nahe (vgl. S. 51 f).

DER VOM RÜCKEN GESEHENE GALLIER
UND DIE UMBILDUNG DER URSPRÜNGLICHEN GRUPPE

Der Gallier

Die schon mehrfach erwähnte großartige Gestalt eines vom Rücken gesehenen
Galliers, der in federndem Stand sich leicht zurücklehnt und mit dem Schwert
überm Kopf gewaltig ausholt, findet sich nur auf den beiden Sarkophagen A.
und D. Der linke Arm ist mit dem Schild kontrapostisch zum hoch erhobenen
rechten herabgeführt. Um die Wucht des nach rechts gerichteten Schlages zu er-
höhen, schwingt der Barbar mit dem Oberkörper nach links herum, wodurch
die ganze Figur jenen in sich gedrehten Aufbau erhält, der so vielen hellenisti-
schen Schöpfungen eigentümlich ist. Der Typus wird von beiden Sarkophagen
wesentlich gleich überliefert. Nur ist auf D. der Schildarm durch den Oberkörper
des niedersinkenden Galliers überschnitten, während auf A. deutlich wird, wie
der Gallier den linken elastisch gespannten Arm leicht nach hinten schwingt,
wodurch die Torsion verstärkt wird. Die Wirkung ist ähnlich wie bei der auf
den Rücken gelegten Hand beim Herakles des Telephosgemäldes187 oder beim
Thermenherrscher188.

Ein kurzer Blick auf einige Beispiele der Rückenansicht bei Figuren in Aus-
fallstellung auf Denkmälern klassischer Zeit189 zeigt, wie anders dort die For-
men geschichtet und der Fläche verhaftet sind. Bei dem hellenistischen Werk
gleitet die Bewegung nicht an der Bildebene entlang, sondern dringt in sie ein.

Wir sahen schon, daß der vom Rücken gesehene Gallier auf D. nicht in dem
ursprünglichen Gruppenzusammenhang erscheint. Auch auf A. wird dieser nicht
klar. Reinach190 erklärte schon: „II est difficile de dire contre qui ce coup (des
Galliers) est dirige, car le cavalier marchant ä droite que Ton apercoit au fond
est, lui aussi, un barbare, et le cavalier greco-italique qui vient ensuite est place
ä une distance trop grande du guerrier nu." Charbonneaux101 schloß daraus: „II
prouve que la scene figuree sur le sarcophage n'a pas ete empruntee teile quelle ä
un modele grec, mais que l'auteur a reproduit certains types hellenistiques en les
disposant ä sa guise." Das ist sehr unbestimmt und erklärt nicht, warum der
Typus nicht in seinem ursprünglichen Gruppenzusammenhang erscheint. Auf
D. begegnet er in einem neuen, nicht sehr folgerichtigen. Auf A. dagegen scheint
es eher, als sei der ursprüngliche Gruppenzusammenhang nur abgewandelt
worden. Denn der vom Rücken gesehene Gallier hat einen Gegner. Der im
Hintergrund nach rechts eilende Barbar kann es nicht sein, der nach rechts rei-

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